Spielen in Vierkirchen

Brett- und Kartenspiele im Norden von München

Tag: Russian Railroads

Jetzt schon ein Halbklassiker: Radrennen und Reformation in Reimlingen

by Florian

Es war einmal ein gar nicht so fernes Land, dem fiel der Himmel auf den Kopf. Außen herum freuten sich alle: Das Land war nun flach und rund wie ein Pfannkuchen. Es hatte fruchtbare Böden und ließ sich leicht bebauen. Die Leute siedelten dort, sie pflanzten Dinkel und Flachs und Rüben und nannten es das Ries.

Das Land war flach, bis auf einige merkwürdig geformte Hügel. Auf einen davon stellten die Menschen ein Schloss, das hieß Reimlingen. Während die Jahrhunderte vergingen, kamen sie immer wieder im Herbst in Reimlingen zusammen und unterhielten sich. Die eine las Gedichte vor, ein anderer einen Brief, den er erhalten hatte. Nachdem sie so vorgelesen hatten, erzählten sie sich Erlebnisse und alte Geschichten.

Um die Tradition aufrechtzuerhalten, entstand gegenüber dem Schloss im Jahr des Herrn 1922 ein neubarockes Bildungshaus. Hier war es, dass im Oktober 2019 eine Schar von Spielern zusammenkam. Sie aßen Kekse aus einem gläsernen Topf, von dem viele dachten, dass er keinen Boden habe, aber dann ging der Vorrat doch zu Ende. Sie nahmen Apfelschorle und Wasser von einem Bord, Wein und Bier aus einem Schrank, und o Wunder, am nächsten Morgen waren Bord und Schrank wieder voll.

So konnten sich diese Gäste zu Reimlingen ganz ihrer Beschäftigung widmen: dem Spielen. Und es ergab sich aus dem Verlauf ihrer Partien so manche Geschichte voller Überraschungen und Wunder, die es mit den Erzählungen aus alter Zeit aufnehmen konnte.

Ave im Colosseum

Die erste Stunde waren wir zu dritt in Reimlingen: Nicole, Sabine und ich. Wir hatten zwei kurze Sachen gespielt, um die Wartezeit überbrücken. Nun fingen wir Colosseum an. Es gilt, im römischen Theater Veranstaltungen durchzuführen und möglichst viele hochrangige Besucher anzulocken. Je mehr, desto besser. Die meisten Punkte gibt der Kaiser.

Wie es immer ist: Kaum dass wir angefangen hatten, trafen die ersten und dann immer mehr Leute ein. Wir sahen kurz auf und begrüßten, Nicole informierte über Essenszeiten und dergleichen, ohne die Partie ganz aufzugeben. Colosseum ist ein hübsches Spiel. So kam es, dass eine Reihe Mitspieler zusah. Bei der nächsten Wertung forderte ich Bonuspunkte für die Zuschauer, die zwar nicht in meine Arena gekommen waren, aber doch unseren Tisch umstanden.

So viele Zaungäste hatte wohl am ganzen Wochenende keine Partie mehr, aber angenehm an unserem hellen, großen Raum fand ich, dass man sich mit einem Blick orientieren konnte, was die anderen gerade so auf dem Brett hatten. Es war nicht möglich, sich in einem Nebenraum von Geräuschen abzuschotten, aber dafür kommunizierte es sich leicht. Nach einer kleinen Pause Mitspieler zu finden, war kein Problem. Nicole hat mir begeistert erzählt, wie schön sie es fand, mit einer Latte macchiato in der Hand in den Spieleraum zu kommen und von Sabine angestrahlt zu werden: „Bei uns wär noch ein Platz frei.“ Bubu lag auf dem Tisch: eines ihrer Lieblingsspiele.

Ahnungslos in Besançon

Vielen wird zu Ohren gekommen sein, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zur Reformation der Kirche an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg aushängte. Von den zeitgleichen Sorgen Karls des Fünften wissen weitaus weniger Menschen. Am Folgetag, dem 1. November 2019, ging er auf den Mauern der uneinnehmbaren Festung von Besançon auf und ab. Nachdem er lange nachgedacht hatte, traf der Herrscher über das Habsburgerreich, in dem die Sonne nie unterging, seine Entscheidungen. Es waren schlechte Entscheidungen. Wie es Politikern eben zu gehen pflegt, schätzte er die Weltlage falsch ein.

Er hatte keine Ahnung. Das lag daran, dass ich dieser Habsburger war. Weil ich noch eine Partie Splendor angefangen hatte, während die anderen frühstückten, verteilten sie ohne mich die Reiche. Ja, ich spielte Karl den Fünften. Ich stand überall, war jedermanns Nachbar, jedermanns Feind. Ich nahm Metz ein, erzürnte die Franzosen, flüchtete mich nach Besançon, in meine prächtige Lieblingsstadt am Flusse Doubs. Dort konnte mir nichts geschehen. Vaubans Verteidigungsanlage war uneinnehmbar. Aber ich hatte Zeit vertrödelt. Aus dem Osten kamen die Osmanen.

Die Osmanen kamen übers Mittelmeer. Meine Flotte war zu klein. Sie bestahlen mich, ich fütterte sie mit Siegpunkten und Karten. Sie rückten nun auch über Land vor, standen vor Wien. Ich hatte nicht genug gerüstet. Sie eroberten Wien, die Bürger erhoben sich gegen die Fremden in der Stadt. Das war eine Falle, die ich gestellt hatte – eine aufgehobene Karte. Leider eine Runde zu kurz aufgehoben. Wenn ich sie eine Runde später gespielt hätte, wäre es den Osmanen an den Kragen gegangen und Wien wäre wieder habsburgisch gewesen. Aber so konnten die Osmanen die Stadt ein zweites Mal erobern, ihre Nachschublinie sichern.

In der Zwischenzeit ging es hoch her. Luther, Zwingli, Calvin und Hobbes Bucer argumentierten, polterten, übersetzten Testamente. Die aufeinanderfolgenden Päpste, alle gespielt von Thomas O., exkommunizierten. In England drüben heiratete Heinrich der Achte dreimal, bis er endlich einen Sohn hatte, und freute sich über den Eifer der Reformatoren in seinem Land, der ihm geschenkte Siegpunkte brachte.

In der letzten Runde schlug ich endlich einmal zurück gegen meinen Plagegeist. Wien blieb verloren, aber ich scheuchte die Schiffe der osmanischen Piraten. Ich reduzierte ihre Flotte, und ich nahm ihnen Athen. Es war ein rasantes Finale, doch nicht mehr als ein Achtungserfolg. In der Punktwertung wurde ich Letzter. Bodo gewann mit Frankreich knapp vor Tilo als Luther und Thomas B. als Henry VIII.

Das Spiel, das wir spielten, heißt Here I Stand, nach Luthers berühmten Diktum auf dem Reichstag von Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Es dauerte von 10 bis 22 Uhr, einschließlich Regelerläuterungen. Es war ein Erlebnis, und ich verstehe die Begeisterung mancher Mitspieler gut, aber ehrlich gesagt: Es war mir zu lang. Schließlich gehe ich ganz gern einmal am Tag vor die Tür und bewege mich ein Stündchen. Ich bin sicher auch nicht der geduldigste Spieler, das merke ich jedes Jahr bei der Regvor.

Warum lief es so lang? Wir spielten zu sechst. Drei der Mitspieler waren Neulinge, darunter ich. Wir fragten immer wieder nach, uns fehlten Details, uns fehlte die Übersicht übers Ganze. Aber Here I Stand ist so komplex, dass selbst die drei Regelexperten bisweilen minutenlang in der Anleitung blätterten.

Dann gibt es auch noch Verhandlungsphasen. Die waren aber gar nicht das Problem, sie wurden in weiser Voraussicht zeitlich streng begrenzt. Ich persönlich hatte nicht viel zu verhandeln. Dazu fehlte mir zu sehr der Überblick. Dieses Element will mir auch nicht recht zu diesem komplexen Spiel passen. Ich mag Verhandlungsspiele sehr. Erfolgreiche Verhandlungsspiele haben aber typischerweise sehr einfache Regeln, damit die Spieler sich auf ihre Allianzen und Verträge konzentrieren können. Ich denke an Diplomacy.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die beiden Ebenen, die Here I Stand zu verbinden sucht: die militärische und die konfessionelle Eroberung. Es bleibt beim Versuch: Über weite Strecken laufen diese Eroberungen parallel, ohne sich zu berühren. Als geplagtem Habsburger war es mir fast egal, dass meine Bevölkerung lieber evangelisch sein wollte. Außerdem scheint es einen blinden Fleck im System zu geben: Der Islam spielt nicht mit. Wien wurde von den Osmanen besetzt, aber es blieb lutherisch.

Schließlich finde ich es schade, wenn die Narration, die historische Erzählung, die Here I Stand so faszinierend macht, unter einem Regelbrei verschwindet. Am nächsten Tag spielten wir A Brief History of the World. Das hat natürlich einen ganz anderen Maßstab, ist strategisch und taktisch viele Stufen harmloser, und ich will es nur insofern mit Here I Stand vergleichen, dass hier die Erzählung schwungvoll voranschreitet. Sollte es nicht möglich sein, auch die Geschichte der Reformation in einem Spiel ohne Stocken vorzutragen? Wenn das ginge, wäre ich gern dabei.

Here I Stand und Steam in Reimlingen

Here I Stand und Steam in Reimlingen

Der dritte Tag ohne Achim

Um es schlicht und streng festzuhalten: Achim ist nicht gekommen. Und ich will wie selbstverständlich hinzufügen: Er hatte gute Gründe.

Neun Zimmer konnten die Spieler sich in Reimlingen sichern, dazu einen Spieleraum hell und warm mit großen Fenstern, um die die Maler nebenan sie beneideten. Doch mehr hätten sie gebraucht. Maddie und Thomas und Dietmar mussten auswärts schlafen. Sie kamen nur zum Spielen und blieben, wenn sie wollten, zum Essen. Peter hatte wenigstens bis Freitag ein Zimmer im Bildungshaus. Am dritten Tag der Veranstaltung hätte er ausziehen müssen. Nur Christina und Rüdiger hatten kein Zimmer und wollten auch keins. Rüdiger wohnt in Nördlingen, vier Kilometer vom Tagungshaus entfernt. Sie blieben gern Tagesgäste.

Die neun Zimmer waren zu knapp. Und doch blieb eines leer. Es war das Zimmer von Thorsten und Achim. Thorsten war verhindert, das wussten wir. Von Achim wussten wir es nicht. Wir wussten überhaupt nicht viel. Er war der einzige angemeldete Teinehmer, den wir nicht kannten. Wir waren gespannt auf Achim.

Es war Mittwochabend. Nur Achim fehlte noch. Die Rezeption schloss, Nicole bekam Achims Zimmerschlüssel. Sicherheitshalber, falls er noch auftauchte. Achim kam nicht.

Es wurde Donnerstag. Als wir beim Essen zusammensaßen, wunderten wir uns. Am Abend machten wir uns Sorgen. Was mochte Achim zugestoßen sein?

Dann traf eine Nachricht ein, wenn auch nicht von Achim. Wir hörten, dass Achim mit gutem Grund am Vortag nicht gekommen war. Und dass er heute kommen wollte. Heute war fast vorbei. Niemand konnte Achim erreichen.

Es wurde Freitag. Wir frühstückten. Uns fiel auf: Es war der dritte Tag ohne Achim.

Es wurde Mittag. Achim kam nicht. Aber er meldete sich. Er hatte gute Gründe. Sein Zimmer spendete er. Es stand nicht mehr leer. Peter konnte bleiben. Leer blieb nur das Zimmer in Peters Pension.

Es wurde Samstag. Es wäre der vierte Tag ohne Achim gewesen, aber das bemerkte keiner. Wir haben ihn nicht kennengelernt.

Spaß am Spiel

In Reimlingen lagen alte und neue Spiele auf dem Tisch. Irgendeiner konnte immer die Regeln erklären. Nur bei Marco Polo II nicht. Peter hatte es frisch von der Messe in Essen mitgebracht. Er und Nicole pöppelten dankbar die Stanztafeln aus, während Carsten die Regeln studierte.

Es gab kurze und lange Spiele. Das Zepter von Zavandor gehört beiden Kategorien an. Es dauert nämlich Sabine zufolge eine Stunde. Also ein kurzes Spiel? Brigitte präzisierte: eine Stunde pro Mitspieler …

Eigentlich eine tolle Sache, wenn man 150 oder 200 ganz verschiedene Spiele zur Auswahl hat, auf Tischen an der Wand ringsum in Kisten gestapelt, geschichtet, gestopft. Da sollte doch für jeden etwas dabei sein?

Ja, nein, ähm, nicht ganz. Je länger die Leute spielen, desto stärkere Eigentümlichkeiten und Einschränkungen, Vorlieben und Vorurteile haben sie. Ich ganz besonders. Ich brauche bisweilen auch Abwechslung, um meinen Kopf auszuruhen. Es ist wirklich schwierig mit mir.

Besonders einmal. Das war am Donnerstag. Ich hatte am Morgen mit Maria ein nicht ganz triviales strategisches Spiel erstmals gespielt. Dann war mein Kopf voll. Nach dem Mittagessen hatte ich mich für anderthalb Stunden Radfahren absentiert. Nun stand ich mit Heiko, Thomas B. und Carolin, die ebenfalls für eine Partie offen waren, vor den Stapeln und Kisten. Aber es wollte sich partout nichts finden, was allen getaugt hätte. Einen gab es immer, der dazu keine Lust hatte – oder „nur im Notfall“.

Insbesondere neigen Thomas und Heiko zu ernsten langen, Carolin und ich zu kurzen lustigen Spielen, wie ich mal verallgemeinernd sagen will, auch wenn es Ausnahmen gibt und die Definitionen da weit auseinandergehen. Als alle meine Vorschläge abgeschmettert wurden, als immer mehr Strategiehämmer genannt wurden und ich schon ein dutzendmal gesagt hatte, das sei mir jetzt zu anstrengend, verfiel ich auf eine neue Argumentation: „Das ist nichts für Carolin.“

Es ist natürlich kein guter Stil, die vermutete Meinung anderer vorzuschieben, um die eigene Position zu stärken. Zum Glück ist Carolin nicht nachtragend. Dummerweise nannte Thomas dann ein Spiel, ich weiß nicht mehr welches, das nach meiner Meinung auch nichts für Carolin war. „Das finde ich eigentlich ganz gut“, widersprach Carolin lachend.

Wir einigten uns letztlich auf ein Mittelgewicht: London. Im Laufe der fünf Tage Reimlingen waren unter den leichten, lustigen Spielen das Rennen Lemminge und das kooperative Stichspiel Die Crew besonders beliebt. Lemminge spielte sogar Thomas S. zweimal, der es sonst möglichst komplex mag. Bei Katakomben dagegen, eigentlich ein Spannungs- und Lachgarant, wenn auch mit langer Spielzeit, ging es uns allen wie einem Querfeldeinläufer, der stolpert und mit dem Gesicht voraus in die Pfütze fällt. Wir hatten wohl nicht die richtige Runde beisammen.

Immer von neuem überrascht mich Lovecraft Letter – in Reimlingen wieder. Das ist eine etwas strategischere Loveletter-Variante, die mit einem Minimum an Entscheidungen auch unter Vielspielern zündet. Beim Versuch, einem Mitspieler einen Gehirnzylinder in den Kopf zu schrauben, hatte etwa Heiko großen Spaß.

Tichu ist sicher kein Spiel für jeden und sorgt auch nicht für lautes Gelächter, ich habe unsere ruhige Samstagnachmittagsrunde aber als ein Highlight erlebt. Sabine und Nicole traten gegen Brigitte und mich an. Im entscheidenden Spiel sagte erst ich, dann Sabine Tichu an. Ein einziger Stich entschied, wer zuerst die tausend Punkte überschreiten sollte. Ich sage herzlichen Glückwunsch, denn wir waren es nicht.

An den Abenden punkteten Just One und Codenames, aber das Konsensspiel nach 23 Uhr war doch immer wieder das Kneipenquiz. Am letzten Abend wollten wir es wissen. Mit „In your dreams“ wählten wir die schwierigste Stufe. Schließlich hatten wir vielerlei Kompetenzen am Tisch: Tilo wusste, dass Max Frisch Architekt gewesen war und Freibäder gebaut hatte. Peter war bekannt, dass ein Belebungsbecken nicht ebendort, sondern in einer Kläranlage zu suchen ist. Und wie oft Elizabeth Taylor verheiratet war, beantworteten zwei Damen gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen: „Achtmal!“

Die Vorleser wechselten. Marcus und Carsten ließen ihre sonoren Stimmen erklingen. Es konnte nichts schiefgehen. Oder doch?

Wir scheiterten um einen einzigen letzten Schritt. Wir hätten nur richtig beantworten müssen, wie der europaweit größte Autohof heißt, der zwischen Nürnberg und Würzburg liegt. Ich fahre selten Auto, aber ich kenne den Steigerwald gut. Ich schlug Geiselwind und Herzogenaurach vor. Wir rieten Herzogenaurach. Geiselwind wäre richtig gewesen.

Der König der Eisenbahn und andere Sieger

Dabei sein ist alles, na klar, aber letztlich kommt doch immer wieder die Frage: Wer hat gewonnen?

Die in Kriegsspielen erfolgreichste Nation des Wochenendes war vermutlich Frankreich. Mit der Tricolore in der Hand triumphierte ich in Maria und Bodo in Here I Stand. Vive la France!

Wie sah es mit Einzelpersonen aus? Nicole hat wahnsinnig oft gewonnen an dem Wochenende. Dietmar bestimmt auch. Aber der König der Eisenbahn war diesmal Carsten. Schon als er in Russian Railroads Erster wurde, sagte er, jetzt könne er beruhigt nach Hause fahren, tat es aber nicht, sondern machte auch noch den ersten Platz in 1844 Schweiz und auf gleichem Terrain in Steam, als wir die Alpenkarte ausprobierten, der er selbst vor mehr als 15 Jahren zusammengepuzzelt hat. Es lag wohl an seiner genauen Kenntnis des Geländes.

Was mich selbst angeht, hat mich mein Sieg in Brief History of the World überaus gefreut. Das Spiel macht mir großen Spaß, aber bisher landete ich immer im hinteren Teil des Feldes. Diesmal habe ich die richtige Welle erwischt.

Der Sieg, um den ich einen anderen am meisten beneidete, war der von Thomas B. im Radrennspiel Flamme Rouge. Im rosa Trikot schloss er den Bergaufsprint so souverän ab wie Julian Alaphilippe im vergangenen Frühjahr die Strade Bianche.

Die nächste Saison

Um metaphorisch beim Radsport zu bleiben: Reimlingen war das dritte Herbsttreffen. Die von Marcus gegründete Veranstaltung kann jetzt schon als Halbklassiker gelten und gehört fest zum Rennkalender.

Auch wenn das Tagungshaus in Reimlingen nächsten November keinen Platz für uns hat, hoffe ich, 2020 dennoch wieder am Start stehen zu können. Psst: Ich habe heute ein Telefonat auf unserem Flur belauscht, und ich kann euch verraten: Es könnte andernorts was werden …

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Ein nicht ganz durchschnittlicher Sonntag

by Florian

Gestern, am Sonntag, 24. Februar, wurde in München die Regvor gespielt: das regionale Vorentscheidungsturnier zur Deutschen Mannschaftsmeisterschaft im Brettspiel. Auf dem Programm standen gute Turnierspiele (Russian Railroads, Azul) und weniger gute (Mystic Vale, Machi Koro). Es waren nette Leute da, wir saßen im Wirtshaus und haben ein wenig geplaudert. Ich bin erst Dritter geworden, dann dreimal Zweiter, was 11 Punkte ergab – das exakte Durchschnittsergebnis, weil erste Plätze einen Extrapunkt bringen.

Wie immer fährt das Team U++ zum Finale, dazu der Turniersieger Ohne Risiko mit vier Nebenwirkungen. Das eine war vorher abzusehen, das andere zumindest nicht auszuschießen.

Es war also ein durchschnittlicher Sonntag. Und damit könnte dieser Bericht enden. Aber zwei Dinge möchte ich doch noch erwähnen.

Die Großen Alten 2019 Die Großen Alten 2019

Mein mystisches Tal

Nichts hat für mich die Regvor 2019 und das Üben vorher so geprägt wie Mystic Vale. Ich mag das Spiel nicht, ich mag sein Plastikmaterial nicht und nicht den hohen Glücksanteil, das Ökofantasy-Thema gefällt mir nicht, und ich will mir auch grundsätzlich keine Spielkarten während der Partie selbst zusammenbasteln.

Aber.

Man kann Mystic Vale üben, kann sich zäh und langsam verbessern. Es hat eine Lernkurve. Eine flache, lange. Ohne eingebaute Sieggarantie. Das Glück kann auch einem erfahrenen Spieler immer noch die Partie zerstören.

Gestern hatte ich kein rechtes Glück in Mystic Vale. Die Umstände waren, ehrlich gesagt, schrecklich. Wir hatten den dunkelsten Tisch des dunklen Wirtshaussaals. Es war das letzte Spiel des Tages, und manche Mitspieler (übrigens nette Leute, die meine Abneigung für Mystic Vale teilten) waren schon mit sich und dem Turnier fertig. Als die selbsterfüllende Prophezeiung eintraf und es für sie nicht lief, nahmen die Gespräche zu, die Konzentration sank.

Auch bei mir lief es nicht. Aber ich hatte das Spiel unverhältnismäßig oft geübt. Ich hatte gelernt, wie man sein Deck schneller macht, indem man möglichst oft das dritte Vergängnissymbol vom Stapel herunternimmt. Ich hatte geübt, einzelne gute Karten aufzubauen und möglichst oft auf die Hand zu bekommen. Das konstante Üben hatte mich in seinen Bann gezogen – das Üben mehr als das eigentliche Spiel.

Ich bin überzeugt: Ohne diese Übung wäre ich gestern nicht Zweiter in Mystic Vale geworden. Und ich glaube übrigens, auch in Machi Koro hätte ich den zweiten Platz verpasst, wenn ich nicht trotz allem an meiner Molkereien-Strategie festgehalten hätte. Die Wahrscheinlichkeit war auf meiner Seite, die Erträge waren es lange Zeit nicht.

Zweite Plätze sind eher bescheidene Erfolge, derer ich mich gar nicht weiter rühmen will. Ich mag Mystic Vale immer noch nicht, und die Partie selbst war eher unangenehm. Erst jetzt, im Rückblick, bin ich froh, mich trotz Abneigung in das Spiel hineingefuchst zu haben.

Um bei einer Regvor erfolgreich zu sein, können Glück und etwas Talent reichen. Aber wie ich auf der Online-Plattform Yucata sehen konnte, hat eine ganz bestimmte Mannschaft, die jedes Jahr oben steht, Mystic Vale hunderte Male gespielt und vermutlich durchanalysiert. Sie hat sich nicht auf das ohnehin vorhandene Talent und ihre klugen Köpfe verlassen. Diese Mannschaft war in Mystic Vale die beste. Davor ziehe ich meine Mütze – und freue mich ganz bescheiden über meinen hart erkämpften zweiten Platz.

Die besten Mitspieler

Nicht nur andere Mannschaften waren gut, auch zwei meiner Mitspieler. Nur Carmela erwischte einen schwarzen Tag. Das kann auf einer Regvor ebenfalls passieren: Manchmal hilft alles Üben nichts, und man landet Spiel um Spiel auf einem der hinteren Plätze.

Aber.

Thomas holte zwei erste Plätze, in Azul und Mystic Vale. Nett, wie er ist, betonte er mir gegenüber anschließend, in Azul meine Strategie umsetzt zu haben. In Russian Railroads jedenfalls holte er mit seiner eigenen Strategie (Devise: spät, aber dafür auf allen Linien punkten) einen zweiten Platz und insgesamt 14 Punkte. Zwar nicht die 16 Punkte, die die Online-Statistik ihm zuschrieb, aber ein dicker Erfolg.

Das konnte nur Nicole übertreffen, die gleichauf mit drei anderen Spielern 18 Punkte einfuhr und als beste Spielerin einen Preis überreicht bekam: das von uns vorab als Wunsch genannte Tribes von Rustan Hakansson.

Nicole gewann drei von vier Turnierpartien. Ausgerechnet in ihrem seit Jahren herausragenden Spiel, Russian Railroads, machte sie nur den zweiten Platz. Aber das war ihr dann auch egal. Zumal sie erstmals das Glücksspiel für sich entscheiden konnte, was sie besonders freute.

Da sich gerade die ersten Plätze relativ stark übers Mittelfeld der Mannschaften verteilten, genügte uns eine Summe von 49 Punkten für den dritten von zwölf Plätzen. Das bedeutete: keine Expedition nach Bad Nauheim, wo im Mai das Finale stattfindet, aber Spielepreise. Ja, unglaublich, zwei weitere Spiele für uns. Thomas angelte sich Photosynthese, Nicole griff nach Adventure Island.

Hübsche Ausbeute

Mit fünf Spielen in der Sporttasche waren wir gekommen: Das fünfte neben den Turnierspielen war die Hobbit-Edition von Love Letter für die S-Bahn-Fahrt gewesen. Auf der Rückfahrt hatten wir acht zu schleppen. Thomas und ich nahmen jeder einen Henkel.

Zwei neue Spiele liegen nun hier in Vierkirchen im Regal. Eine ganz hübsche Ausbeute für eine mittelmäßige Leistung an einem mittelmäßigen Sonntag, wie ich gerne zugebe. Aber dann sage ich mir, dass ich die Spiele quasi als Preis für die besten Mitspieler gewonnen habe.

Zumal ich in der S-Bahn, in Love Letter, an dem Tag einfach unschlagbar war.

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Ältere Regvor-Berichte:

Dezember 2018: So lang ist das schon her?

by Florian

Der Januar ist bald herum. Weshalb es Zeit wird, etwas zum Dezember zu sagen.

Das ist jetzt schon der dritte Monatsbericht in Folge nach der großen Blogpause. Einige grundsätzliche Überlegungen scheinen nicht unangebracht. Ich stelle mir vor, auch künftig jeden Monat genau vier Spiele vorzustellen, die uns beschäftigt haben, weil sie so gut oder so schlecht oder so ungewöhnlich waren. Manchmal wird das kurz ausfallen, ein anderes Mal kann es passieren, dass ich abschweife. Tipp: Scrollräder an der Maus sind eine tolle Erfindung.

Monatsberichte können am Monatsende erscheinen, müssen aber nicht. Wie gerade bewiesen.

Außerdem weise ich darauf hin, dass Suchmaschinen diesen Blog neuerdings für ihren Index durchleuchten dürfen. Der Jugendschutz des Spieletreffs Vierkirchen ist kein hinreichender Grund mehr, sich vor der Welt zu verstecken, denn die Jugend ist erwachsen geworden.

X-Code

Das neue Echtzeit-Kooperativspiel von Kasper Lapp enthält Erweiterungsboxen im Stil von Pandemic Legacy. Die haben wir beim Spieletreff Vierkirchen nicht gleich geöffnet, aber alle vier Einsteigerszenarien geschafft. Hoffentlich einigermaßen regelkonform.

Gegenüber Magic Maze vom gleichen Autor fällt X-Code ab. Es ist zwar weniger stressig, aber auch weniger konkret. Statt über einen Plan zu eilen, sammeln wir identische Zahlenkarten, um sie auf einer Old-School-Telefontastatur abzulegen. Drei beziehungsweise vier gleiche müssen bei einem Mitspieler eintreffen, damit er seines Amtes walten und die Taste belegen kann. Nur der Tastenton fehlt.

Jede Karte gibt vor, ob man sie nur linksherum oder nur rechtsherum tauschen darf – ja, nie einfach weitergeben, immer nur tauschen gegen eine andere Karte. Also sitzen vier Leute da, geben Bestellungen ab – „Fünfer und Rauten zu mir!“ – oder instruieren ihre Nachbarn zu den Karten, die sie ihnen hinhalten: „Die Eins ist für Christian!“

An den höheren Leveln von Magic Maze sind wir im Spieletreff Vierkirchen gescheitert. Einmal auch am zweiten Level, wie ich mich mit Schaudern erinnere. X-Code ist leichter. Aber mir persönlich haben die vier Partien schon gereicht. In den geheimnisvollen Boxen sind sicher lauter Gemeinheiten versteckt, und dann fallen wir doch wieder auf die Schnauze.

In der Vierkirchner Diskussionsrunde sagte ich noch, dass ich eine andere Grafik bevorzugt hätte, und schlug die Tiere von Zoff im Zoo vor. Wie ich seither gelesen habe, war das Sammeln von Tieren tatsächlich das ursprüngliche Thema des Spiels. Der Prototyp hieß „Fotosafari“.

X-Code und Dungeon Saga

X-Code und Dungeon Saga

Dungeon Saga

Es ist das Ergebnis ausführlicher Recherchen. Seit vielen Monaten weiß ich, dass Dungeon Saga das richtige Spiel für mich ist, wenn ich unbedingt einmal nachspielen möchte, wie eine Heldengruppe in ein unterirdisches Verlies einbricht, dort die Bewohner als Monster beschimpft, beraubt und ermordet. Also genau das, was die Amerikaner ein „thematisches Brettspiel“ nennen.

Warum gerade dieses und nicht ein anderes? Vielleicht Descent 2, Massive Darkness, Kingdom Death: Monster oder Swords & Sorcery? Einfache Antwort: Es liegt an der Komplexität. Dungeon Saga ist ein lustiges Würfelspiel, man kann nebenher Bier trinken. Und ein Szenario dauert etwa so lange wie bei Gloomhaven der Aufbau allein.

Dungeon Saga war mir nur zu teuer. Im Dezember wurde der Preis im Rahmen einer Adventskalender-Aktion um 60 Prozent gesenkt. So habe ich jetzt ein weiteres Spiel im Schrank, für das mir eigentlich die Mitspieler fehlen: Idealerweise sollte man zu fünft sein. Erste Partien gab es trotzdem schon. Ich werde weiter berichten.

Russian Railroads

Gottseidank, im Dezember gab es eine Viererpartie mit 521 Punkten. Ich kann es noch. Auch wenn ich schon wieder nicht mehr weiß, wie ich es gemacht habe.

Neu ist, dass wir jetzt auch mit möglichen Regvor-Gegnern üben. Zum Beispiel in Emmering. Während es schwieriger geworden ist, im Vierkirchner Spieletreff Trainingspartner zu finden.

Festung

Friedemann Frieses Festung war das lustigste Spielerlebnis im Dezember. Stefan und Sabine besuchten uns zum Adventsmenü. Stefan spielte oft auf ein frühes Spielende durch die dritte Sanduhr und brach in Jubel aus, wenn sie tatsächlich kam. Neue Karten, die keiner gekannt hatte, sorgten für überraschte Gesichter und konzentrierte Mienen. Wer gewann, wer verlor, war gar nicht so wichtig. Außer natürlich als Anlass für neuen Jubel.

Spielen kann so schön sein, wenn Gruppe und Spiel zusammenpassen.

Reimlingen

Nein, ich stelle kein fünftes Spiel vor. Obwohl ich finde, dass „Reimlingen“ ein Stefan-Feld-Spieletitel sein sollte.

Nicole veranstaltet, wie im Jahresrückblick angekündigt, ein Spielewochenende. Ab 30. Oktober 2019 in, ihr ratet richtig, Reimlingen. Wer dies liest, ist herzlich eingeladen, muss aber sein Zimmer selbst zahlen … Anmeldungen werden ab sofort entgegengenommen.

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Nie wieder Regvor?

by Nicole

In Wales kann ich nie wieder Urlaub machen. 2006 sind wir von Burg zu Burg geradelt. Unsere Regensachen hatten wir dabei, doch Tag für Tag schien die Sonne von einem makellos blauen Himmel – Mallorca-Akne sollte meine Hautärztin nach unserer Rückkehr diagnostizieren. Jahrhundertsommer nannten es damals die B&B-Betreiber und erklärten, dass es nie mehr so werden würde.

So wie auf der Regionalvorentscheidung zur Deutschen Brettspielmeisterschaft am Sonntag in München wird es vermutlich auch nie wieder werden. Zumindest nicht für mich.

Diesmal am Sonntag

Ich hätte lieber am Samstag gespielt, direkt aus der Arbeitswoche ins Turnier rein und hinterher noch einen Tag zum Ausruhen haben. Stattdessen verbringen Florian und ich den Samstag damit, auf Sonntag zu warten, sind nicht konzentriert genug für ein größeres Spiel und wollen eigentlich auch nichts mehr für die Regvor tun. Wir spielen dann aber doch eine Partie 7 Wonders schizophren, also zu zweit zu viert, um Taktiktipps auszuprobieren, die Florian auf Boardgamegeek gefunden hat.

Vor 7 Wonders fürchte ich mich regelrecht. Wir haben es im Vorfeld maximal zehnmal gespielt, so richtig überrissen habe ich nicht, was man tun muss, um zu gewinnen. Ich weiß nur, dass ich auf gar keinen Fall Philipp an meinem Tisch haben will. Der kennt das Spiel einfach zu gut.

Philipp bildet mit Christian, Vincent und Thomas die Spielvereinigung Vierkirchen verspielt Masters, eines unserer drei Teams. Karen ist Kapitän der U16, zu der noch Felix, Nico und Lukas zählen. Ich führe die Mixed Masters an, mit Michael, Jochen und Florian. Wir sind alle pünktlich an der S-Bahn, haben sämtliche Spiele dabei und sogar die Anmeldebestätigungen, die wir die vergangenen beiden Jahre immer vergessen haben. Wir machen das obligatorische Gruppenfoto vor dem Eingang zur Gaststätte und lassen Michael gesammelt die Teilnahmegebühr entrichten. Er kommt zurück und verteilt die Laufzettel. In 7 Wonders sitzt Philipp an meinem Tisch, ausgerechnet.

Ich bin dann aber doch ganz froh. Philipp packt das Spiel aus, kontrolliert die Karten, mischt sie – und spricht mit mir. Darauf legt nicht jeder Wert. Rechts neben mir sitzt einer der regelmäßigen Herne-Qualifikanten aus München. Vor ihm habe ich einen gehörigen Respekt. Er tut wenig dafür, jovial rüberzukommen. Also reden Philipp und ich über „Maria Stuart“ von Schiller, Ibsen-Dramen und „Game of Thrones“. Dann die Ansage von Turnierorganisator Jo: Die Emscherhusaren aus Oberhausen sind mit dem Auto bei Würzburg liegen geblieben. Die Begegnungen müssen neu ausgelost werden. Auf einmal ist der Herne-Stammgast weg und Philipp auch. Ich muss an einen anderen Tisch. Dort treffe ich auf Philipps Teamkollegen Christian, der über ähnlich wenig 7-Wonders-Erfahrung verfügt wie ich. Dazu die Nummer drei der Fab four und die Nummer drei der Grafinger Spielbären.

Mixed Masters

Mixed Masters

Rhodos B, ein bisschen Militär, ein bisschen Siegpunkte und ein bisschen Geld – naja. Ich versorge mich erst mal mit Glas, denn seit Samstag weiß ich, dass man das unbedingt braucht, will man auf Wissenschaft spielen. Dann gleich in meiner zweiten Kartenhand ein Zahnrad, die knappste von allen grünen Karten. Es heißt zwar, dass man gegen gute Spieler keine Chance hat, mit Wissenschaft zu punkten, aber ich riskier’s. Ich habe ohnehin keine andere Idee, weiß nur noch von unserem Taktik-Crashkurs, dass man Grün am besten mit Rot, also dem Militär, kombiniert. Und bei Grün versuchen sollte, auf zwei komplette Sätze, zweimal Zahnrad, zweimal Zirkel und zweimal Schrifttafel zu kommen. Das sind 26 Punkte, effizienter ist nicht.

Sieg für Rot-Grün

Keiner in meiner Runde ist an grünen Karten interessiert. Fab four 3 und Christian versuchen zwar ab und an, eine unter ihr Wunder zu schieben, aber so viel Platz ist da auch nicht, und ich komme auf meine zwei Sätze. Dazu ein bisschen Militär. Ich versenke den Palast unter meinem Wunder, acht Punkte gönne ich Fab four 3 dann doch nicht. Das verhilft Christian, der mangels Stein den vierten Abschnitt von Gizeh A nicht fertigstellen kann, auf Rang drei vor Fab four 3. Der Grafinger, der kurzfristig als Ersatzspieler zur Regvor gekommen ist, wird Zweiter, 55 Punkte reichen mir für den ersten Platz. Ich kann’s nicht fassen.

Lukas hat auch 55 Punkte. In seiner Runde wird er Dritter. Damit ist er noch der Schlechteste der U16. Zwei erste Plätze, ein zweiter und Lukas‘ zwei Punkte katapultieren den Vierkirchner Nachwuchs in der ersten Zwischenwertung auf Rang zwei. Vor ihnen liegen nur noch die Spuiratzen Vier.

Philipp hat sich nicht an den Vorschlag gehalten, nach zwei kompletten Wissenschaftssätzen aufzuhören. 43 Punkte über Grün, dazu noch sieben weitere – und Rang zwei an seinem Tisch. Vincent beendet das erste Spiel seiner ersten Regvor-Teilnahme als Erster, Thomas als Dritter. Seine drei Kontrahenten grenzen ihn von der Geldwirtschaft aus, kaufen untereinander Rohstoffe und lassen ihn verhungern. Die Masters sammeln zwölf Punkte, ebenso wie die Mixed Masters. Da gewinne nicht nur ich, sondern auch Michael. Florian hat Pech. Er freut sich in der ersten Runde, dass er nicht Gizeh A spielen muss, hat er noch nie, kennt er nicht. Nach der erneuten Auslosung ist es dann auf einmal doch Gizeh A. Es läuft eigentlich ganz gut, er wähnt sich schon auf Rang zwei, schließt sein Wunder im zweiten Zeitalter ab. Und bekommt dann nur noch Mist. Ein ums andere Mal tauscht er Karten gegen drei Münzen. Letzter Platz. Jochen wird auch Vierter. Er sitzt an dem Tisch, an dem Nico von der U16 seinen Erfolg vom Abschlusstraining wiederholt. „Er hatte keine Chance“, sagt Nico über Jochen. „Ich wäre fast Fünfter geworden“, sagt Jochen über seine 29 Punkte.

U16

U16

Mittagspause, frische Luft schnappen vor der Eingangstür. Florian hantiert mit seinem Handy. „Ich habe mein Versagen schon getwittert.“ Der Zuspruch bleibt nicht aus. „Hau rein“, kommt es von Wolfgang Friebe von der Fairplay zurück. Und Florian haut rein. Denn jetzt kommt das einzige Spiel, das wirklich für ihn zählt: Russian Railroads. Florian hat Thomas an seinem Tisch, der zum ersten Mal die Kiew-Strategie ausprobiert. Die Neuner-Lok setzt er allerdings auf Petersburg. Florian will mit der Transsib gewinnen. Kein Mensch interessiert sich für die Verdoppler, geschweige denn für beige und weiße Gleise. In der Schlussrunde springen 167 Punkte raus, dazu noch Rang zwei in der Ingenieurswertung mit mickrigen zwei Ingenieuren. Klarer Sieg mit 454 Punkten. Thomas: „Da oben hat dich keiner gestört.“

An meinem Tisch gibt es ebenfalls nur einen Transsib-Spieler: Kirsten von den Chiemgauer Klonkamelen. Monika von Wo ist das Gehirn?, Dagmar von EHH+ aus Grafrath und ich veranstalten ein Wettrennen nach Kiew. Monika zieht gleichzeitig mächtig auf der Industrieleiste an. Und nimmt die vorletzte Dreier-Lok, als Dagmar und ich schon auf der Petersburg-Linie mit dem schwarzen Gleis auf der Vier sind. Wer jetzt drei Männchen investiert, kann die verbleibende Dreier-Lok auf die Industrieleiste setzen und mit der Vierer-Lok auf der Petersburg-Strecke holen, was das Herz begeht, Neuner-Lok, schwarzes Männchen, Zusatz-Ingenieur, egal. Dagmar ist vor mir dran. Sie überlegt lange, macht dann etwas anderes. Puh, ich hole mir die Neuner-Lok und weiß jetzt, dass ich meinen Stiefel runterspielen kann. Ein bisschen verwegen werde ich dann doch noch: Statt mich nach der Kiewmedaille auf der Transsib vorzuarbeiten, riskiere ich es, auf Petersburg Grau und Braun zu setzen und mit einer Siebener-Lok für die Verdopplung der Punkte zu sorgen. Irgendwann führt nicht mehr Monika, sondern ich. 426 Punkte und wieder Platz eins. Florian und ich sind die einzigen Vierkirchner, die Russian Railroads gewinnen. Wir sind aber auch diejenigen, die am meisten trainiert haben, monatelang im Internet. Nach Jahren der Ablehnung bin ich jetzt bei Yucata, wegen Russian Railroads.

Michael wird Zweiter mit der Transsib-Strategie. Er hält lange mit dem späteren Gewinner mit, doch der hat am Ende mehr Verdoppler. Jochen versucht es mit ein bisschen Industrie und dann Transsib. 265 Punkte, Rang vier. „Es kann nur noch besser werden.“ Karen legt dank Transsib eine saubere 100-Punkte-Schlussrunde hin. Zum zweiten Mal Platz zwei. Christian und Nico teilen sich an ihrem Tisch Rang zwei mit jeweils 315 Punkten. Der Sieger hat über 450.

Ein elendes Glücksspiel

Auf ihn treffe ich in Las Vegas. Zum Glück ein Glücksspiel, denn Daniel gehört zu den herneerprobten Spuiratzen Vier. An dem Tisch sehe ich auch Andreas von den Kellerkindern aus Lindau wieder, den ich noch von Kingdom Builder im vergangenen Jahr kenne. Sein Redefluss behindert ihn nicht dabei, Daniel, Lara von den Start(t)spielern und mich abzuzocken. Er kommt knapp an die Million ran. Ich habe 100.000 weniger und werde Zweite. Noch so eine Überraschung. Vor 7 Wonders habe ich Angst gehabt, von Las Vegas besser mal nichts erwartet. Nach drei Spielen habe ich schon 13 Punkte, so viel wie beim meinem Regvor-Debüt im vergangenen Jahr insgesamt. Und Zug um Zug kommt erst noch, das Spiel, das ich am meisten trainiert habe, auf meinem Tablet gegen drei künstliche Intelligenzen.

Masters

Masters

Von den Mixed Masters gewinnt kein Einziger in Las Vegas, aber Jochen und Florian werden ebenfalls Zweiter. Michael baut bis zur sechsten Runde kontinuierlich seine Führung aus, wird dann auf zwei hohen Feldern egalisiert, geht mit null raus und rutscht auf Rang drei ab. Aus Vierkirchner Sicht schießen die Masters den Vogel ab: Zwei Siege, ein zweiter und ein dritter Platz. Von 19 Mannschaften würfeln nur die Chiemgauer Klonkamele und die Metal Maniacs aus Schrobenhausen genauso gut. Und keine besser. Einer der Masters-Sieger ist Philipp. So richtig freuen kann er sich nicht. „Das Bittere ist, dass ich den ersten Platz im Glücksspiel gemacht habe und den vierten im Taktikspiel.“ Die U16 schwächelt. Eigentlich habe ich die Jugendlichen allesamt für Glückskekse gehalten, doch nur Kapitän Karen schafft es auf Rang zwei, ein dritter und zwei vierte Plätze. Mehr ist diesmal nicht drin.

Ich habe einen Brummschädel und ein bisschen zittrig bin ich auch. Vor dem Turnierauftakt habe ich meine Chancen auf einen Sieg in Zug um Zug für am größten eingeschätzt. Vom vergangenen Jahr weiß ich, dass die Konzentration der Gegner im letzten Spiel des Tages nachlässt. Ich will noch gewinnen. Wie gegen Elisa, Mina und Leonidas auf meinem Tablet. Sollte das jetzt auch noch klappen, wären es sagenhafte 18 von 20 Punkten.

Per Interrail nach Petrograd

Lukas sitzt an meinem Tisch, dazu Sebastian alias Fab four 4, dessen Vater Martin ich schon in 7 Wonders kennengelernt habe, und Helmut von Dank überlegener Geisteskraft. Ich entscheide mich für Brest-Petrograd, Marseille-Essen und Paris-Zagreb. Irgendwie will ich daraus eine Strecke machen, um die zehn Europa-Express-Punkte abzugreifen. Ich sammle Rot und Rot und Rot. Alle nehmen nur Karten vom Stapel oder aus der Auslage, viele Runden lang. Und alle sind sehr aufmerksam, wissen, was sie tun. Von Ermüdungserscheinungen keine Spur. Die anderen fangen dann doch mal an mit dem Streckenbau, während ich noch auf eine letzte rote Karte warte. Als die da ist, geht es los: Stockholm-Petrograd, acht Waggons im Tunnel. Drei Lokomotiven-Joker habe ich, um notfalls draufzuzahlen. Aber ich habe Glück – und meine ersten 21 Punkte. Irgendwie kommt mir keiner in die Quere, ich mache peu à peu weiter, schließe letztlich auch Brest an, kann noch eine nachgezogene Zielkarte erfüllen und dann das Spiel flott beenden. Sebastian hat bei den Zielkarten drei Punkte mehr als ich, aber auf der Strecke neun weniger. Und der Europa Express geht ebenfalls an mich. 126 zu 110 zu 109 zu 89.

Ich hole den leider einzigen ersten Platz in Zug um Zug für Vierkirchen. Was eine konstante Turnier-Leistung angeht, schlägt mich Karen, die zum vierten Mal Zweite wird. Einen Vierling nennt man das im Poker, oder? Ihre Teamkollegen schneiden wieder nicht so gut ab, werden einmal Dritter und zweimal Vierter. Die Masters belegen einmal Rang zwei und dreimal Rang drei. Die Mixed Masters sammeln insgesamt 13 Punkte, Michael und Florian werden jeweils Zweiter, Jochen über den Tiebreaker Dritter hinter dem punktgleichen Zweitplatzierten. Das ergibt insgesamt 50 Punkte für unser Team, was niemals für Herne reichen wird. Aber das ist mir sowas von egal. Ich schwebe.

Die U16 belegt nach starkem Start letztlich Rang 15, die Masters werden Zehnter, die Mixed Masters Vierter. Damit erreichen wir den ersten Platz, für den es ein Spiel als Preis gibt. Turnierorganisator Jo hatte im Vorfeld abgefragt, wer sich was wünscht. Von uns bekam er eine Antwort, und jetzt überreicht er mir als Kapitän das explizit von uns genannte Colt Express.

Siegerin der Einzelwertung

Siegerin der Einzelwertung

Dann darf ich noch mal vor und mir von den beiden Tischen mit den Preisen ein weiteres Spiel aussuchen. Walter Fritze und ich haben mit drei ersten und einem zweiten Platz die Einzelwertung gewonnen. Walter gehört dem Turniersieger U++ an und fährt Mitte Mai nach Herne. Glückwunsch! Die Spuiratzen Vier qualifizieren sich als Zweiter, Dritter mit drei Punkten Vorsprung auf uns werden die Fab four, sehr angenehme, höfliche und entspannte Gegner, auf die ich gerne mal wieder treffe. Aber eigentlich will ich ja gar nicht mehr mitmachen.

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Kapitäne, Mannschaften, Supporter

by Nicole

Wieder naht ein großer Tag. Am Sonntag, 1. März, tritt Vierkirchen verspielt zum dritten Mal in Folge mit drei Teams bei der Regionalvorentscheidung zur Deutschen Brettspielmeisterschaft an. Wer letzte Tipps braucht, kann diverse Artikel in diesem Blog lesen, vor allem zu Russian Railroads wurde viel geschrieben. Oder er führt sich die Ansprache im Vorfeld des Turniers 2014 nochmals zu Gemüte. Die Spielenamen sind wie folgt zu ersetzen: Russian Railroads für Village, Las Vegas für Im Wandel der Zeiten Würfelspiel, 7 Wonders für Race for the Galaxy und Zug um Zug anstelle von Kingdom Builders.

Vierkirchen verspielt ist sich der Verantwortung bewusst, die sich aus dem Titel „Vermutlich teilnehmerstärkstes Dorf“ ergibt. Es geht offensiv damit um. Monatelang wurde intensiv trainiert, im Pfarrsaal St. Jakobus und in diversen Höhentrainingslagern. Nach außen drang wenig. Nun öffnet sich der Spieletreff der Herzen, verrät, was die Stars der Vierkirchner Brettspielszene denken und fühlen im Angesicht der Herausforderung 1. März.

Russian Railroads

Jochen: Joe, Joe, bitte die Südseite des Tisches disqualifizieren. Die Nordseite braucht neue Mitspieler.

Was macht er denn da? Spielt er italienisch?

Wenn man nicht weiß, was man tut, kann man trotzdem Zweiter werden.

Michael: Die Strategie ist klar. Wenn man gewinnen will, muss man Transsib spielen.
Nicole: Es geht auch ohne Transsib, mit dem braunen Gleis genau auf der Eins.

Florian: Ich habe heute meinen Rhythmus nicht gefunden.

Philipp: Oh nein, die Zusatzmännchen sind noch da und wir haben schon alle nichts mehr. Er kann sie sich einfach holen und hat einen Zug mehr.
Nicole: Warum musst du das denn auch noch sagen. Behalt das doch für dich.
Philipp: Aber du hast doch gefragt, warum ich zusammengezuckt bin.
Nicole: Dann sag, du hast den Geburtstag deiner Mutter vergessen. Wo ist denn da das Siegergen?
Philipp: Das ist an mir vorbeigegangen.

Jochen: Ich habe heute zum ersten Mal gewonnen. Das kann ja eigentlich nur noch schlechter werden.

Lukas: Ich habe heute zum ersten Mal über 300 Punkte gemacht.

RRR

7 Wonders

Florian: Früher, als ich es noch nicht verstanden hatte, lief es besser.

Nicole: Kriegstreiber von links und von rechts.

Philipp: Glas, warum hat keiner Glas?

Du hast wohl gedacht, ich spiele wieder pazifistisch. Da hast du dich getäuscht.

Nico: Ich hätte nie gedacht, dass meine Mischtaktik aufgeht.

Felix: Ich hatte zu wenig Rohstoffe für Gizeh.

Las Vegas

Las Vegas

Michael: Las Vegas anybody?
Lukas‘ Vater: Kriegt man das in der Stadt?
Lukas: Wir brauchen es bis Sonntag, nein, Samstag. Sonst musst du es mir an die S-Bahn bringen.

Thomas:
Ich habe Las Vegas õfter trainiert als Russian Railroads.

Florian: Du musst dir vorher überlegen, was du würfeln willst. Ich brauche eine Vier. – Ja!

Du spielst auch die Hundetaktik. Wenn es ein schönes Eck gibt, erst mal ordentlich hinbrunzen.

Thomas: Hast du was gemerkt? Ich geh immer dahin, wo Grün schon ist.
Nicole: Ich mag dich nicht.

Philipp: Muss man eigentlich beim Geldstapel abheben?

RRR

Zug um Zug

Nicole: Auf der Weltmeisterschaft geben sie keine von den Anfangszielkarten zurück.
Florian: Manchmal haben sie aber auch ein paar Waggons mehr im Ärmel.

Philipp: Ich mag Zug um Zug nicht. Ich habe es noch nie gemocht.

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Ungleiche Duelle

by Florian

In den großen Duellen treffen meist zwei ungleiche Gegner aufeinander: David gegen Goliath. Mats Wilander gegen Stefan Edberg. Hannibal mit Elefanten gegen Scipio mit Schildkröten. Gerhard Schröder gegen Edmund Stoiber – oder nein, die beiden hatten wir an gleicher Stelle ja neulich schon.

Duelle von ganz ähnlich veranlagten, ähnlich taktierenden Gegnern haben hingegen selten Strahlkraft. Vielleicht noch Bayern gegen Barcelona. Oder Boris Becker gegen Stefan Edberg. Aber Angela Merkel gegen Sigmar Gabriel?

Bei Russian Railroads war diese Woche beides geboten: Nicole und ich spielten Kiew plus Fabriken. Sie mehr Fabriken und vor allem mehr Ingenieure, ich dafür mit braunen und naturfarbenen Gleisen auf der Petersburg-Strecke. Christian und Vincent duellierten sich am selben Tisch beim Transsib-Bau. Vincent ganz ohne Ingenieure und sonstige Ablenkungen, aber mit einer mächtigen 123-Punkte-Schlussrunde. Christian mit etwas Ingenieuren und früherer Unterstützung durch Petersburg.

Im Familienduell gewann die Kiew-Strategie eindeutig, ich wurde trotz Neunerlok für Kiew aber nur Zweiter, etwa 25 Punkte hinter Nicole. Sie durfte zweimal ihre Ingenieure für 38 Punkte werten. Das waren 439 Punkte.

Ebenfalls exakt 439 Punkte holte einen Tisch weiter Philipp, der ebenfalls Kiew plus Fabriken spielte. Er hatte keine lukrativen Punkte-Fabriken, konnte dies aber kompensieren, indem er die Strecke zweimal durchlief. Wenn du Punkte willst, dann vor ans Netz und draufgehauen, würde Stefan Edberg wahrscheinlich sagen.

Inder in Irkutsk

by Nicole

Ob ich schon mal in Indien war? Nein, ich fliege nicht gerne, und mit dem Schiff dauert die Reise einfach zu lange. Aber ich habe mir viel erzählen lassen. Ja, sogar Dias habe ich schon gesehen. Und ich mag Indien, zumindest so, wie ich es kenne, aus Filmen und Büchern, vorzugsweise Kochbüchern. Ich habe auch schon einmal einen Abend mit Indern verbracht. Fast wäre es zum Streit gekommen, weil ich geschworen hätte, Lana Turner spielt in Doktor Schiwago mit. Die Inderin auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches, ebenfalls Hollywood-Kennerin, sah das anders.

Das Gespräch fand übrigens am Baikalsee statt, damals auf unserer Transsib-Tour. Als Edmund Stoiber Wahlkampf gegen Gerhard Schröder machte, zuckelten wir gemütlich von West nach Ost und trafen nahe Irkutsk die indische Reisegruppe, die von Ost nach West unterwegs war. Als Edmund Stoiber knapp verloren hatte, saßen wir am Pazifik und sahen Marinekadetten bei der Ausbildung zu. Die Inder waren da vermutlich schon in Moskau.

Was das alles in einem Spieleblog zu suchen hat? Naja, heute zeigte sich Vierkirchen wieder verspielt. Zumindest an drei Tischen im Pfarrheim St. Jakobus. An einem wurde Auf nach Indien gespielt, am anderen Zug um Zug Europa und am dritten Russian Railroads. Auf nach Indien hatten wir zwar mitgebracht, aber wir kamen nicht dazu, mit Segelschiffen vor der Küste des Subkontinents zu kreuzen, um mit Gold und Gewürzen zu handeln. Das blieb anderen vorbehalten.

Auf nach Indien

Auf nach Indien

Gereizt hätte es mich schon, aber noch lieber wollte ich Gleise bauen, und zwar im Osten, nicht in Europa. Diesmal ging es darum, das Ganze anders aufzuziehen. Nicht sofort das Zusatzmännchen über die Kiew-Linie holen, sondern auf der Transsib schnell vorankommen. Auch keine Fabriken bauen. Weiße Gleise sollten her, möglichst früh, möglichst viele. Der Vorsatz hielt keine halbe Runde, schnell war ich wieder in meinem Kiew-Trott und wurschtelte mich so bis zum Ende durch, Fabriken inklusive.

In einer Welt, die sich rasend schnell ändert, in der es nur noch wenig gibt, worauf man sich verlassen kann. In der die Währung meiner Jugend Vergangenheit ist und Zahlen per Smartphone-App längst Alltag. In der egal welcher Geheimdienst egal was und wen ausspioniert und man das nicht einfach ignorieren kann, weil ein Whistleblower Verantwortungsgefühl zeigt. In der Arbeitsplätze nicht mehr sicher sind und die Schlangen vor den Tafeln und Tischen, die gratis Lebensmittel ausgeben, immer länger werden. In so einer Welt gibt es mir ein Gefühl der Sicherheit, auf Bewährtes zurückzugreifen. Und sei es nur die Kiewmedaille in Russian Railroads.

Gern gemachte Fehler in Russian Railroads

by Florian

Wie gewinnt man Russian Railroads? Tja, keine Ahnung, meine Siegquote ist zuletzt heftig eingebrochen, und auch am Montag war ich nur Dritter. Den naiven Glauben an eine einzelne dominante Siegstrategie sollte man aber wohl schnell aufgeben. Die Topspieler auf Yucata – wo sich jede Partie im Archiv nachspielen lässt – können mal mit Transsib pur, mal mit Kiew plus Fabriken und vielleicht auch noch ganz anders gewinnen. Je nachdem, welche Ingenieure ausliegen und was die anderen vorhaben.

Was ich immer besser kenne, sind die vielen Fehler, die man so machen kann, wenn man seine für die Partie gewählte Strategie umzusetzen versucht: Ständig entdecke ich neue. Ab und zu bei Mitspielern, aber meistens mache ich sie selbst. So auch diesen Montag:

  • Auf schwarze und graue Gleisbewegungen für je einen Arbeiter verzichten: Klar, vielleicht bin ich nächste Runde früher dran und bekomme gleich zwei Gleisbewegungen für ein Männchen, oder drei für zwei. Aber auch nächste Runde bin ich nicht der einzige Spieler, und ich will auch noch andere Dinge erledigen. Wenn es in die Strategie passt, ist 1 für 1 nicht zu teuer.
  • Gleiches gilt für das mittlere Lokfeld, das zwei Arbeiter erfordert. Geiz im falschen Moment kann sich böse rächen.
  • Mangels Alternativen eine nur halb passende Zielkarte wählen und dafür Umwege in Kauf nehmen: Das ist eine Spezialdisziplin von mir. Schnell noch in den letzten zwei Runden die Fabrikleiste durcheilen, denn ich kriege ja sieben Bonuspunkte für ein weiteres Fragezeichen. Zu viel Aufwand, zu wenig Nutzen.
  • Anschaffungen, die sich nicht rentieren: insbesondere Loks, die ich schon bald ersetzen muss. Eine Dreierlok auf der Petersburgstrecke. Oder auch eine Fünferlok auf der Petersburgstrecke, wo doch bald die Sechserloks verfügbar sein werden. Ich habe aber auch schon mal einen Ingenieur gekauft, mit dem ich nichts anfangen konnte. Schlimmer, ich habe ihn sogar noch benutzt, obwohl er mich nicht entscheidend voranbrachte. Zwei verschenkte Aktionen.
  • Zu viele Projekte beginnen: Bis mir jemand das Gegenteil beweist, glaube ich, dass man bis mindestens zur dritten Runde nicht mehr als zwei der vier Leisten anfangen sollte. Das schließt Gleis- und Fabrikbewegungen ebenso ein wie die Anschaffung von Fabriken und Loks. Warum halte ich mich so oft nicht dran? Die Gelegenheit schien so günstig, das tolle Feld war gerade noch frei. Und am Ende habe ich ungenutzte Fabriken gehabt.
  • Zu weit voraus spekulieren: Irgendwann werde ich ja doch noch auf der Kiewleiste mit den Gleisen vorangehen, also kaufe ich schon mal eine Lok. Irgendwann ziehe ich doch noch mit dem Fabrikmarker … Irgendwann bestimmt. Hoffentlich noch in dieser Partie. Nächstes Mal sage ich mir: Nicht zu weit vorausdenken, fokussiert bleiben.
  • Tolle Felder übersehen: Danke an Philipp bei der Gelegenheit … die unbemerkt gebliebenen zwei Extra-Arbeiter gegen Rundenende waren sehr hilfreich. Manchmal sollte man den Blick doch etwas heben und nicht nur das Feld anstarren, das man unbedingt noch belegen will.

Hoffentlich höre ich auf mich, wenn ich in der nächsten Partie so mit mir rede und mir selbst Tipps gebe. Diese Fehler werden vielleicht gern gemacht, aber ich möchte sie ungern wiederholen.

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Der Masterplan

by Florian

So, Nicole, wir sind wieder daheim. Unser Carrara-Masterplan hat nicht geklappt, was?

Nee, ich fürchte, wir müssen uns das Spiel jetzt doch kaufen. Dabei hatte ich mir alles so schön ausgedacht. Ich versteh auch gar nicht, warum noch so viele Leute an der Verlosung teilnehmen durften. Hatten die nicht schon alle irgendwas gewonnen?

Ich sag ja immer, die mogeln. Bei mir am Tisch wurde mit allen Tricks gearbeitet, Sprintkarte fürs Biathlonrennen im Ärmel, Überfall auf meine Schatzkarte bei Hook. Auch da war heute nichts zu gewinnen.

Ach, das ist schade. Bei mir war es ein bisschen einfacher. Nico hat Russian Railroads heute neu gelernt. Christian hat zwar vorbildlich erklärt, aber das mit den Fragezeichen habe ich erst mal als zu viel an Informationen abgetan. Bis ich auf der Petersburg-Linie das schwarze Gleis auf der Vier hatte und die dazu passende Lok.

Haha, Du arbeitest auch mit allen Tricks! Und hast natürlich gewonnen. Was empfiehlst Du Deinen Mitspielern für die nächste Partie?

Ich schwör auf die Neuner-Lok auf der Kiew-Strecke, dann möglichst schnell die Kiew-Medaille, meist über das zweite Fragezeichen auf der Petersburg-Strecke. Was ich bisher meist vernachlässigt habe, ist die Transsib. Diesmal konnte ich das weiße Gleis nur auf das erste Feld bringen, weil ich blockiert war. Christian hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht und das Feld Männchen plus Geld in der letzten Runde belegt. Ja, und Vincent fällt plötzlich auf, dass er ja doch noch auf 40 Ingenieurspunkte kommen kann. Da waren es dann für mich nur noch 20. Nico musste früher gehen, wurde abgeholt von den Eltern. Da haben wir für ihn noch getreulich die letzte Runde mitgespielt.

Deine Mitspieler haben da ein bisschen länger ausgehalten, oder?

Felix musste früher weg, weil er morgen Schulaufgabe hat. Er hat in Hook und Auf geht’s den zweiten Platz belegt. Erster Verlierer, sage ich! Er hätte auch beides gewinnen können. So konnte Karen in seinem Windschatten auf die erste Position vorfahren. Jana war Dritte, dann kam erst ich.

Was richtig lang ging, war anschließend ausgerechnet das kürzeste Spiel … Drachenschatten, das haben wir dreimal gespielt.

Als Vincent euch hat spielen sehen, ist er ganz nervös geworden. Drachenschatten hätte ihm auch getaugt. Da hat er glatt vergessen, seine Transsib mit Loks aufzurüsten. Später kam er dann nicht mehr ran.

Aber sag mal, wie hat sich Simon so geschlagen, war ja monatelang nicht mehr da, Lehre, Volleyball, keine Zeit am Montagabend. Hat er das Spielen verlernt, oder geht es noch?

Hoffentlich hört uns keiner, wie wir hier über die Mitspieler lästern. Aber ich glaube, die letzten Wochen waren eh nicht mehr als drei Besucher im Blog. – Doch, man muss zugeben, er kann es noch, hat gleich das erste Drachenschatten gewonnen. Übrigens haben wir es zu fünft probiert, obwohl es offiziell nur für vier ist. Lukas hatte noch Wartezeit, bis sein Vater kam. Zu fünft ging durchaus. Notfalls hätten wir auch noch mal ein paar Karten aus dem Ablagestapel neu aufgelegt.

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Welches Spiel hättest Du gern noch gespielt, bist aber nicht dazu gekommen?

Das Nations-Würfelspiel, das Helme dabei hatte. Essen-Neuheit, glaube ich. Das hätte mich interessiert. Aber das blieb unseren beiden Neuzugängen vorbehalten, die heute zum ersten Mal da waren.

Ja, ich auch! Ich hätte ja nicht gedacht, dass Helme überhaupt noch mal bis raus nach Vierkirchen kommt. Und dann noch mit dem Nations-Würfelspiel, das seit Essen ausverkauft ist und erst neu aufgelegt werden muss.

Aber immerhin ging mein Wunsch Auf geht’s in Erfüllung. Und vielleicht kommen das Nations-Würfelspiel und die neuen Mitspieler ja nächstes Jahr noch mal wieder.

Ja, das wäre fein. Gelegenheit genug hätten sie, wo wir doch ab Januar wöchentlich spielen. Zumindest mal die ersten beiden Monate des neuen Jahres.

War’s das schon wieder?

by Florian

Wer es nicht weiß, fällt durch die Führerscheinprüfung: Vor dem Abbiegen muss man sich umschauen. Ob der Highway 2015 ein holpriger Wirtschaftsweg sein wird, eine stark befahrene Bundesstraße oder ein frisch geteerter Radweg, interessiert heute noch nicht.

Wenn ich auf das Spielejahr 2014 zurückblicke, war das Biathlon-Rennen Auf geht’s! eine besondere Neuheit. Nicht mein Spiel des Jahres – dazu habe ich die nötigen vier bis acht (am besten acht) Personen doch zu selten zusammengebracht. Außerdem ein Kandidat für den Preis für den schlechtesten Titel. Aber eine witzige Mischung aus cleverem Kartenspiel und Action-Schießeinlage. Dazu die charmante Retro-Grafik, der Kleinverlags-Appeal … ein ganz unvergleichliches Spiel, das allein schon das Fairplay-Abo gerechtfertigt hat. In dieser Zeitschrift habe ich es nämlich kennengelernt. Ich werde es am 15. Dezember noch einmal zum Vierkirchner Spieleabend mitbringen.

(Ein Fairplay-Jahresabo kostet übrigens nur 24 Euro. Vielleicht ein Tipp für Weihnachten?)

Nicole will kommenden Montag wieder Russian Railroads einpacken. Sie hat das Spiel in diesem Blog ja schon mehrfach gelobt. Mehr muss man wohl nicht sagen.

Michael, ganz der Spieleabend-Chef, denkt erst einmal an die anderen und schreibt: „Zum Finale am 15. Dezember würde ich mich freuen, wenn der Pfarrsaal noch mal so richtig voll wird. Ich möchte nach Möglichkeit eine Reihe von gesponserten Spielen verlosen. Es geht um Hook (das etwas hektische Piratenspiel), Carrara, Dimension (das Kugelstapelspiel) und Pagoda (ein Zwei-Personen-Spiel).“

Weitere ganz besondere Spiele, ob von 2014 oder früher, sind wie immer herzlich willkommen.

7 Wonders

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