Spielen in Vierkirchen

Brett- und Kartenspiele im Norden von München

Tag: Katakomben

Jetzt schon ein Halbklassiker: Radrennen und Reformation in Reimlingen

by Florian

Es war einmal ein gar nicht so fernes Land, dem fiel der Himmel auf den Kopf. Außen herum freuten sich alle: Das Land war nun flach und rund wie ein Pfannkuchen. Es hatte fruchtbare Böden und ließ sich leicht bebauen. Die Leute siedelten dort, sie pflanzten Dinkel und Flachs und Rüben und nannten es das Ries.

Das Land war flach, bis auf einige merkwürdig geformte Hügel. Auf einen davon stellten die Menschen ein Schloss, das hieß Reimlingen. Während die Jahrhunderte vergingen, kamen sie immer wieder im Herbst in Reimlingen zusammen und unterhielten sich. Die eine las Gedichte vor, ein anderer einen Brief, den er erhalten hatte. Nachdem sie so vorgelesen hatten, erzählten sie sich Erlebnisse und alte Geschichten.

Um die Tradition aufrechtzuerhalten, entstand gegenüber dem Schloss im Jahr des Herrn 1922 ein neubarockes Bildungshaus. Hier war es, dass im Oktober 2019 eine Schar von Spielern zusammenkam. Sie aßen Kekse aus einem gläsernen Topf, von dem viele dachten, dass er keinen Boden habe, aber dann ging der Vorrat doch zu Ende. Sie nahmen Apfelschorle und Wasser von einem Bord, Wein und Bier aus einem Schrank, und o Wunder, am nächsten Morgen waren Bord und Schrank wieder voll.

So konnten sich diese Gäste zu Reimlingen ganz ihrer Beschäftigung widmen: dem Spielen. Und es ergab sich aus dem Verlauf ihrer Partien so manche Geschichte voller Überraschungen und Wunder, die es mit den Erzählungen aus alter Zeit aufnehmen konnte.

Ave im Colosseum

Die erste Stunde waren wir zu dritt in Reimlingen: Nicole, Sabine und ich. Wir hatten zwei kurze Sachen gespielt, um die Wartezeit überbrücken. Nun fingen wir Colosseum an. Es gilt, im römischen Theater Veranstaltungen durchzuführen und möglichst viele hochrangige Besucher anzulocken. Je mehr, desto besser. Die meisten Punkte gibt der Kaiser.

Wie es immer ist: Kaum dass wir angefangen hatten, trafen die ersten und dann immer mehr Leute ein. Wir sahen kurz auf und begrüßten, Nicole informierte über Essenszeiten und dergleichen, ohne die Partie ganz aufzugeben. Colosseum ist ein hübsches Spiel. So kam es, dass eine Reihe Mitspieler zusah. Bei der nächsten Wertung forderte ich Bonuspunkte für die Zuschauer, die zwar nicht in meine Arena gekommen waren, aber doch unseren Tisch umstanden.

So viele Zaungäste hatte wohl am ganzen Wochenende keine Partie mehr, aber angenehm an unserem hellen, großen Raum fand ich, dass man sich mit einem Blick orientieren konnte, was die anderen gerade so auf dem Brett hatten. Es war nicht möglich, sich in einem Nebenraum von Geräuschen abzuschotten, aber dafür kommunizierte es sich leicht. Nach einer kleinen Pause Mitspieler zu finden, war kein Problem. Nicole hat mir begeistert erzählt, wie schön sie es fand, mit einer Latte macchiato in der Hand in den Spieleraum zu kommen und von Sabine angestrahlt zu werden: „Bei uns wär noch ein Platz frei.“ Bubu lag auf dem Tisch: eines ihrer Lieblingsspiele.

Ahnungslos in Besançon

Vielen wird zu Ohren gekommen sein, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zur Reformation der Kirche an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg aushängte. Von den zeitgleichen Sorgen Karls des Fünften wissen weitaus weniger Menschen. Am Folgetag, dem 1. November 2019, ging er auf den Mauern der uneinnehmbaren Festung von Besançon auf und ab. Nachdem er lange nachgedacht hatte, traf der Herrscher über das Habsburgerreich, in dem die Sonne nie unterging, seine Entscheidungen. Es waren schlechte Entscheidungen. Wie es Politikern eben zu gehen pflegt, schätzte er die Weltlage falsch ein.

Er hatte keine Ahnung. Das lag daran, dass ich dieser Habsburger war. Weil ich noch eine Partie Splendor angefangen hatte, während die anderen frühstückten, verteilten sie ohne mich die Reiche. Ja, ich spielte Karl den Fünften. Ich stand überall, war jedermanns Nachbar, jedermanns Feind. Ich nahm Metz ein, erzürnte die Franzosen, flüchtete mich nach Besançon, in meine prächtige Lieblingsstadt am Flusse Doubs. Dort konnte mir nichts geschehen. Vaubans Verteidigungsanlage war uneinnehmbar. Aber ich hatte Zeit vertrödelt. Aus dem Osten kamen die Osmanen.

Die Osmanen kamen übers Mittelmeer. Meine Flotte war zu klein. Sie bestahlen mich, ich fütterte sie mit Siegpunkten und Karten. Sie rückten nun auch über Land vor, standen vor Wien. Ich hatte nicht genug gerüstet. Sie eroberten Wien, die Bürger erhoben sich gegen die Fremden in der Stadt. Das war eine Falle, die ich gestellt hatte – eine aufgehobene Karte. Leider eine Runde zu kurz aufgehoben. Wenn ich sie eine Runde später gespielt hätte, wäre es den Osmanen an den Kragen gegangen und Wien wäre wieder habsburgisch gewesen. Aber so konnten die Osmanen die Stadt ein zweites Mal erobern, ihre Nachschublinie sichern.

In der Zwischenzeit ging es hoch her. Luther, Zwingli, Calvin und Hobbes Bucer argumentierten, polterten, übersetzten Testamente. Die aufeinanderfolgenden Päpste, alle gespielt von Thomas O., exkommunizierten. In England drüben heiratete Heinrich der Achte dreimal, bis er endlich einen Sohn hatte, und freute sich über den Eifer der Reformatoren in seinem Land, der ihm geschenkte Siegpunkte brachte.

In der letzten Runde schlug ich endlich einmal zurück gegen meinen Plagegeist. Wien blieb verloren, aber ich scheuchte die Schiffe der osmanischen Piraten. Ich reduzierte ihre Flotte, und ich nahm ihnen Athen. Es war ein rasantes Finale, doch nicht mehr als ein Achtungserfolg. In der Punktwertung wurde ich Letzter. Bodo gewann mit Frankreich knapp vor Tilo als Luther und Thomas B. als Henry VIII.

Das Spiel, das wir spielten, heißt Here I Stand, nach Luthers berühmten Diktum auf dem Reichstag von Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Es dauerte von 10 bis 22 Uhr, einschließlich Regelerläuterungen. Es war ein Erlebnis, und ich verstehe die Begeisterung mancher Mitspieler gut, aber ehrlich gesagt: Es war mir zu lang. Schließlich gehe ich ganz gern einmal am Tag vor die Tür und bewege mich ein Stündchen. Ich bin sicher auch nicht der geduldigste Spieler, das merke ich jedes Jahr bei der Regvor.

Warum lief es so lang? Wir spielten zu sechst. Drei der Mitspieler waren Neulinge, darunter ich. Wir fragten immer wieder nach, uns fehlten Details, uns fehlte die Übersicht übers Ganze. Aber Here I Stand ist so komplex, dass selbst die drei Regelexperten bisweilen minutenlang in der Anleitung blätterten.

Dann gibt es auch noch Verhandlungsphasen. Die waren aber gar nicht das Problem, sie wurden in weiser Voraussicht zeitlich streng begrenzt. Ich persönlich hatte nicht viel zu verhandeln. Dazu fehlte mir zu sehr der Überblick. Dieses Element will mir auch nicht recht zu diesem komplexen Spiel passen. Ich mag Verhandlungsspiele sehr. Erfolgreiche Verhandlungsspiele haben aber typischerweise sehr einfache Regeln, damit die Spieler sich auf ihre Allianzen und Verträge konzentrieren können. Ich denke an Diplomacy.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die beiden Ebenen, die Here I Stand zu verbinden sucht: die militärische und die konfessionelle Eroberung. Es bleibt beim Versuch: Über weite Strecken laufen diese Eroberungen parallel, ohne sich zu berühren. Als geplagtem Habsburger war es mir fast egal, dass meine Bevölkerung lieber evangelisch sein wollte. Außerdem scheint es einen blinden Fleck im System zu geben: Der Islam spielt nicht mit. Wien wurde von den Osmanen besetzt, aber es blieb lutherisch.

Schließlich finde ich es schade, wenn die Narration, die historische Erzählung, die Here I Stand so faszinierend macht, unter einem Regelbrei verschwindet. Am nächsten Tag spielten wir A Brief History of the World. Das hat natürlich einen ganz anderen Maßstab, ist strategisch und taktisch viele Stufen harmloser, und ich will es nur insofern mit Here I Stand vergleichen, dass hier die Erzählung schwungvoll voranschreitet. Sollte es nicht möglich sein, auch die Geschichte der Reformation in einem Spiel ohne Stocken vorzutragen? Wenn das ginge, wäre ich gern dabei.

Here I Stand und Steam in Reimlingen

Here I Stand und Steam in Reimlingen

Der dritte Tag ohne Achim

Um es schlicht und streng festzuhalten: Achim ist nicht gekommen. Und ich will wie selbstverständlich hinzufügen: Er hatte gute Gründe.

Neun Zimmer konnten die Spieler sich in Reimlingen sichern, dazu einen Spieleraum hell und warm mit großen Fenstern, um die die Maler nebenan sie beneideten. Doch mehr hätten sie gebraucht. Maddie und Thomas und Dietmar mussten auswärts schlafen. Sie kamen nur zum Spielen und blieben, wenn sie wollten, zum Essen. Peter hatte wenigstens bis Freitag ein Zimmer im Bildungshaus. Am dritten Tag der Veranstaltung hätte er ausziehen müssen. Nur Christina und Rüdiger hatten kein Zimmer und wollten auch keins. Rüdiger wohnt in Nördlingen, vier Kilometer vom Tagungshaus entfernt. Sie blieben gern Tagesgäste.

Die neun Zimmer waren zu knapp. Und doch blieb eines leer. Es war das Zimmer von Thorsten und Achim. Thorsten war verhindert, das wussten wir. Von Achim wussten wir es nicht. Wir wussten überhaupt nicht viel. Er war der einzige angemeldete Teinehmer, den wir nicht kannten. Wir waren gespannt auf Achim.

Es war Mittwochabend. Nur Achim fehlte noch. Die Rezeption schloss, Nicole bekam Achims Zimmerschlüssel. Sicherheitshalber, falls er noch auftauchte. Achim kam nicht.

Es wurde Donnerstag. Als wir beim Essen zusammensaßen, wunderten wir uns. Am Abend machten wir uns Sorgen. Was mochte Achim zugestoßen sein?

Dann traf eine Nachricht ein, wenn auch nicht von Achim. Wir hörten, dass Achim mit gutem Grund am Vortag nicht gekommen war. Und dass er heute kommen wollte. Heute war fast vorbei. Niemand konnte Achim erreichen.

Es wurde Freitag. Wir frühstückten. Uns fiel auf: Es war der dritte Tag ohne Achim.

Es wurde Mittag. Achim kam nicht. Aber er meldete sich. Er hatte gute Gründe. Sein Zimmer spendete er. Es stand nicht mehr leer. Peter konnte bleiben. Leer blieb nur das Zimmer in Peters Pension.

Es wurde Samstag. Es wäre der vierte Tag ohne Achim gewesen, aber das bemerkte keiner. Wir haben ihn nicht kennengelernt.

Spaß am Spiel

In Reimlingen lagen alte und neue Spiele auf dem Tisch. Irgendeiner konnte immer die Regeln erklären. Nur bei Marco Polo II nicht. Peter hatte es frisch von der Messe in Essen mitgebracht. Er und Nicole pöppelten dankbar die Stanztafeln aus, während Carsten die Regeln studierte.

Es gab kurze und lange Spiele. Das Zepter von Zavandor gehört beiden Kategorien an. Es dauert nämlich Sabine zufolge eine Stunde. Also ein kurzes Spiel? Brigitte präzisierte: eine Stunde pro Mitspieler …

Eigentlich eine tolle Sache, wenn man 150 oder 200 ganz verschiedene Spiele zur Auswahl hat, auf Tischen an der Wand ringsum in Kisten gestapelt, geschichtet, gestopft. Da sollte doch für jeden etwas dabei sein?

Ja, nein, ähm, nicht ganz. Je länger die Leute spielen, desto stärkere Eigentümlichkeiten und Einschränkungen, Vorlieben und Vorurteile haben sie. Ich ganz besonders. Ich brauche bisweilen auch Abwechslung, um meinen Kopf auszuruhen. Es ist wirklich schwierig mit mir.

Besonders einmal. Das war am Donnerstag. Ich hatte am Morgen mit Maria ein nicht ganz triviales strategisches Spiel erstmals gespielt. Dann war mein Kopf voll. Nach dem Mittagessen hatte ich mich für anderthalb Stunden Radfahren absentiert. Nun stand ich mit Heiko, Thomas B. und Carolin, die ebenfalls für eine Partie offen waren, vor den Stapeln und Kisten. Aber es wollte sich partout nichts finden, was allen getaugt hätte. Einen gab es immer, der dazu keine Lust hatte – oder „nur im Notfall“.

Insbesondere neigen Thomas und Heiko zu ernsten langen, Carolin und ich zu kurzen lustigen Spielen, wie ich mal verallgemeinernd sagen will, auch wenn es Ausnahmen gibt und die Definitionen da weit auseinandergehen. Als alle meine Vorschläge abgeschmettert wurden, als immer mehr Strategiehämmer genannt wurden und ich schon ein dutzendmal gesagt hatte, das sei mir jetzt zu anstrengend, verfiel ich auf eine neue Argumentation: „Das ist nichts für Carolin.“

Es ist natürlich kein guter Stil, die vermutete Meinung anderer vorzuschieben, um die eigene Position zu stärken. Zum Glück ist Carolin nicht nachtragend. Dummerweise nannte Thomas dann ein Spiel, ich weiß nicht mehr welches, das nach meiner Meinung auch nichts für Carolin war. „Das finde ich eigentlich ganz gut“, widersprach Carolin lachend.

Wir einigten uns letztlich auf ein Mittelgewicht: London. Im Laufe der fünf Tage Reimlingen waren unter den leichten, lustigen Spielen das Rennen Lemminge und das kooperative Stichspiel Die Crew besonders beliebt. Lemminge spielte sogar Thomas S. zweimal, der es sonst möglichst komplex mag. Bei Katakomben dagegen, eigentlich ein Spannungs- und Lachgarant, wenn auch mit langer Spielzeit, ging es uns allen wie einem Querfeldeinläufer, der stolpert und mit dem Gesicht voraus in die Pfütze fällt. Wir hatten wohl nicht die richtige Runde beisammen.

Immer von neuem überrascht mich Lovecraft Letter – in Reimlingen wieder. Das ist eine etwas strategischere Loveletter-Variante, die mit einem Minimum an Entscheidungen auch unter Vielspielern zündet. Beim Versuch, einem Mitspieler einen Gehirnzylinder in den Kopf zu schrauben, hatte etwa Heiko großen Spaß.

Tichu ist sicher kein Spiel für jeden und sorgt auch nicht für lautes Gelächter, ich habe unsere ruhige Samstagnachmittagsrunde aber als ein Highlight erlebt. Sabine und Nicole traten gegen Brigitte und mich an. Im entscheidenden Spiel sagte erst ich, dann Sabine Tichu an. Ein einziger Stich entschied, wer zuerst die tausend Punkte überschreiten sollte. Ich sage herzlichen Glückwunsch, denn wir waren es nicht.

An den Abenden punkteten Just One und Codenames, aber das Konsensspiel nach 23 Uhr war doch immer wieder das Kneipenquiz. Am letzten Abend wollten wir es wissen. Mit „In your dreams“ wählten wir die schwierigste Stufe. Schließlich hatten wir vielerlei Kompetenzen am Tisch: Tilo wusste, dass Max Frisch Architekt gewesen war und Freibäder gebaut hatte. Peter war bekannt, dass ein Belebungsbecken nicht ebendort, sondern in einer Kläranlage zu suchen ist. Und wie oft Elizabeth Taylor verheiratet war, beantworteten zwei Damen gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen: „Achtmal!“

Die Vorleser wechselten. Marcus und Carsten ließen ihre sonoren Stimmen erklingen. Es konnte nichts schiefgehen. Oder doch?

Wir scheiterten um einen einzigen letzten Schritt. Wir hätten nur richtig beantworten müssen, wie der europaweit größte Autohof heißt, der zwischen Nürnberg und Würzburg liegt. Ich fahre selten Auto, aber ich kenne den Steigerwald gut. Ich schlug Geiselwind und Herzogenaurach vor. Wir rieten Herzogenaurach. Geiselwind wäre richtig gewesen.

Der König der Eisenbahn und andere Sieger

Dabei sein ist alles, na klar, aber letztlich kommt doch immer wieder die Frage: Wer hat gewonnen?

Die in Kriegsspielen erfolgreichste Nation des Wochenendes war vermutlich Frankreich. Mit der Tricolore in der Hand triumphierte ich in Maria und Bodo in Here I Stand. Vive la France!

Wie sah es mit Einzelpersonen aus? Nicole hat wahnsinnig oft gewonnen an dem Wochenende. Dietmar bestimmt auch. Aber der König der Eisenbahn war diesmal Carsten. Schon als er in Russian Railroads Erster wurde, sagte er, jetzt könne er beruhigt nach Hause fahren, tat es aber nicht, sondern machte auch noch den ersten Platz in 1844 Schweiz und auf gleichem Terrain in Steam, als wir die Alpenkarte ausprobierten, der er selbst vor mehr als 15 Jahren zusammengepuzzelt hat. Es lag wohl an seiner genauen Kenntnis des Geländes.

Was mich selbst angeht, hat mich mein Sieg in Brief History of the World überaus gefreut. Das Spiel macht mir großen Spaß, aber bisher landete ich immer im hinteren Teil des Feldes. Diesmal habe ich die richtige Welle erwischt.

Der Sieg, um den ich einen anderen am meisten beneidete, war der von Thomas B. im Radrennspiel Flamme Rouge. Im rosa Trikot schloss er den Bergaufsprint so souverän ab wie Julian Alaphilippe im vergangenen Frühjahr die Strade Bianche.

Die nächste Saison

Um metaphorisch beim Radsport zu bleiben: Reimlingen war das dritte Herbsttreffen. Die von Marcus gegründete Veranstaltung kann jetzt schon als Halbklassiker gelten und gehört fest zum Rennkalender.

Auch wenn das Tagungshaus in Reimlingen nächsten November keinen Platz für uns hat, hoffe ich, 2020 dennoch wieder am Start stehen zu können. Psst: Ich habe heute ein Telefonat auf unserem Flur belauscht, und ich kann euch verraten: Es könnte andernorts was werden …

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Yucata offline 2016

by Nicole

Eine Fensterbank voll Spiele. Das können zwei, drei sein, aber auch 20, 30 oder 100. Das kommt ganz auf die Fensterbank an. Raum B8 in der Jugendherberge in Wiesbaden hat eine sehr lange, die sich über eine komplette Seite des turnhallenartigen Saals erstreckt. Auf ihr stapeln sich beim ersten Yucata-Treffen nach sechsjähriger Pause massenhaft bunte Kartons. Angeschleppt in Tüten, Reisetaschen, Rucksäcken, Klappkisten und Wäschekörben.

Gespielt wird zweieinhalb Tage lang so ziemlich alles, vom Kartenquickie bis zum mehrstündigen Prototypen des nächsten Uwe-Rosenberg-Spiels. Gequatscht wird auch und viel gelacht. Ich weiß jetzt, wer hinter dem Nicknamen die Tapfere steckt, wie catkin aussieht, was Harrii macht, wenn er gerade keine Zeit für Yucata hat, dass Ludoo lieber Ludo heißen würde und wann lunaflute Geburtstag hat. Nummer5 hat neben Frau und Tochter auch eine Buttonmaschine dabei, Yucata-Spieler bekommen Vornamen. Trueskill und Rang sind egal, wann immer jemand orientierungslos herumstand, wird Platz an einem Tisch gemacht oder die Gruppe geteilt und etwas anderes gespielt als ursprünglich geplant.

„Ich bräuchte etwas, womit ich zwei Karten nehmen kann.“ (Uschi)
„Aber da hast du doch den blauen Kontoristen.“ (Gabi)

Nach einem immer wieder von Begrüßungen unterbrochenen La Isla und Qwixx ist Port Royal das dritte Spiel des Wochenendes für mich. Wir versuchen die kooperative Variante zu viert. Von den neun Aufträgen haben wir acht erfüllt, aber keine einzige Karte mehr auf dem Runden-Stapel. Jetzt oder nie. Uschi muss noch die zwölf Punkte vollkriegen. Neun hat sie, aber zu wenig Geld für eine Dreierkarte. Florian deckt Karte um Karte auf, mindestens 20 liegen auf dem Tisch, es wird immer enger. Bis Gabi sich anschaut, was Uschi eigentlich so in ihrer Auslage hat. Am Ende kann sie für neun Münzen ein Fräulein kaufen, wir haben alle Aufgaben gemeistert. Da stört es nicht, dass wir nur den Landratten-Rang bekommen, weil wir nicht vorzeitig fertig geworden sind.

Yucata-Treffen 2016

„Der Käse ist aus.“ (Daniela)

Daniela und Markus spielen zum ersten Mal Orléans, Françoise hört bei der Erklärung zu, bringt aber dann Paula ins Bett und verzichtet auf die Partie. Es ist ihr Spiel. Ihr Mann war bisher nur mit Aufkleben beschäftigt, zum Ausprobieren fehlte die Zeit.

So weihen Daniela, Markus und ich die Luxusversion mit Holzfigürchen statt Pappplättchen ein. Die beiden hängen mich auf der Bauernleiste ziemlich schnell ab. Runde um Runde zahle ich eine Münze. Irgendwann kann ich nicht einmal mehr hinterher, weil kein Käse mehr zu kriegen ist. Aber auf der Bücherleiste komme ich als Erste ins Ziel. Und das Tuch, das ich in den letzten Runden sammle, bringt auch noch mal fette Punkte.

„Jetzt nehme ich mir die Ware mit dem Dreierwürfel.“ (Françoise)

Françoise möchte Burgen von Burgund lernen, Florian kann es auch noch nicht richtig, Kerstin und ich finden, ein Bubu geht immer. Und weil sich keiner wehrt, müssen sie alle den Regvor-Plan spielen. Eine kleine Trainingseinheit für mich. Françoise fängt auf Empfehlung ihres Mannes oben links an, Kerstin und Florian unten links und ich oben rechts.

Wir bauen peu à peu vor uns hin. Es macht doch immer wieder Spaß. Und man sieht am Tisch viel besser, wie die anderen so ihren Plan füllen, als auf Yucata. Auf Kerstins Plättchen, das bei der Geldausschüttung für die Minen auch noch Arbeiterplättchen bringt, bin ich schon ein bisschen neidisch. Das muss ich unbedingt demnächst bei meinen Online-Spielen ausprobieren.

„Wenn ich das jetzt so lege, seid ihr beide doch draußen und ich habe gewonnen. Hurra, ich habe das Spiel verstanden.“ (Tanja)

Tsuro ist eine Neuentdeckung für mich. Ich spiele es mit Daniela, Markus, Paula und Françoise und am nächsten Tag gleich noch einmal mit Christine, Sabrina und Tanja. Wunderbar leicht und angenehm.

„Ich kann meinen Papa lähmen.“ (Paula)

Paula strahlt. Und Florian, nicht der aus Burgen von Burgund, sondern mein Florian, strahlt auch. Paula ist acht Jahre alt und Adjutant des Bösen. Ihr Freund Bo hilft ebenfalls, die Helden zu bedrängen. Paula strahlt, weil sie in Katakomben einen Treffer gelandet hat, Florian, weil er das Spiel nicht umsonst mitgeschleppt hat.

Dave, Christian, Kerstin und ich sind die Guten. Wir tun uns schwer. Meine Elfenlebenspunkte werden immer weniger. Bo kontrolliert ganz genau, dass ich sie auch bei mir abziehe und nicht bei Berserker Christian. Dabei hat der doch viel mehr. Dann bin ich tot. Zum Glück geben meine Mithelden zehn Münzen aus, um mich wieder zum Leben zu erwecken. Danach schnippe ich auch nicht besser, doch dem Berserker und Zauberer Dave gelingt es schließlich, den Oberbösen zu erledigen. Zu diesem Zeitpunkt ist Diebin Kerstin tot, freut sich aber aus dem Jenseits über unseren Sieg.

„Du zählst nicht. Du bist der Erklärbär.“ (Silvia)

Helios gehört zu den Spielen, die online eher schwer zu lernen sind. Deswegen sind an einem Nachmittag gleich zwei Exemplare im Einsatz. Mein Florian erklärt am einen Tisch, ich versuche es am anderen. Dort entscheidet sich Jürgen für die Minimalstrategie, um möglichst oft Sonnenkreisepunkte zu kassieren. Passend dazu wählt er die Priesterin. Stefan nimmt den Schatzmeister und konzentriert sich voll aufs Manasammeln. Silvia holt den Kartographen und den Architekten. Letzteren hätte ich auch gerne gehabt. Also grabsche ich mir Prophetin, Erfinder und Entdecker. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Deswegen komme ich in Silvias Endabrechnung nicht vor. Wir spielen das übrigens inzwischen auf Yucata, zur Verinnerlichung der Regeln. Andere würden Lernzielkontrolle sagen. Oder, Ute?

„Guck mal, wie ich dich glücklich mache.“ (Ute)

Uschi hat das Kartenspiel Schlafmütze mitgebracht. Der Schlafmützen-Tisch ist jeden Abend der lauteste. Nur muss „glücklich machen“ neu definiert werden. Denn Ute gibt eine Karte nach der anderen an Stefan. Der hat zu dem Zeitpunkt fast gewonnen und muss nun noch einmal von vorne anfangen, seinen Berg abzubauen. Immer bemüht, keinen Fehler zu machen, sonst schallt es ihm von allen Seiten „Schlafmütze“ entgegen.

„Morgentoilette – zwei.“ (Markus)
„Wasser, Gesicht.“ (Florian)

So einfach kann es manchmal sein, wenn man Codenames spielt. Und das tun wir den ganzen Sonntag. In wechselnder Besetzung, zu viert, zu sechst und kurzzeitig sogar zu acht. Vor dem Mittagessen und danach. Bis wir fast die Letzten sind.

Sehr interessant auch „Bowie – zwei“. „Ich seh kein Messer.“ „Aber Rock für David Bowie. Und vielleicht Afrika. Seine große Liebe war ja ein afrikanisches Model.“ Christine und ich denken angestrengt laut nach. Françoise, die in der gegnerischen Gruppe sitzt, leidet physische Qualen, ebenso Florian, der „Bowie – zwei“ gesagt hat. Ich habe meine Zweifel, ob Florian das mit dem Model weiß. Auch wenn die Idee von mir stammt. Christine sagt: „Ist der nicht gerade gestorben.“ Und sieht in diesem Moment „Krebs“. Alles klar: Rock und Krebs.

Im Internet gibt es übrigens ein Foto von einer etwas anderen Codenames-Variante. Statt 25 Karten mit Begriffen sind fünf mal fünf Spiele ausgebreitet. Erweiterung – fünf. Kooperativ – zwei. Stefan Feld – drei. Beim nächsten Yucata-Treffen sollten wir das unbedingt ausprobieren.

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Begeisterung

by Florian

Es sind schwierige Zeiten für diesen Blog. Immer wieder die Fragen: Wo fange ich an? Und wo höre ich auf?

KatakombenEs sind schwierige Zeiten. Für Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, sowieso und grundsätzlich. Diesen Montag erlebten die netten Jungs von nebenan aber erstmals, dass niemand aufspringt und die begonnene Partie verlässt, um mit ihnen Uno zu spielen, wenn sie eine halbe Stunde nach Beginn im Treff vorbeischauen.

Es war vielleicht eine große Chance, die sie und wir da verpasst haben. Einzeln und zu zweit hätte man sie in eine Runde integrieren können – anders als die Siebener-Gruppe bei früheren Besuchen.

Es sind schwierige Zeiten auch für neue Spiele. Im Fünfminutentakt prasseln widersprüchliche Urteile auf sie ein. Ist Katakomben „einfach nur schnippen“ oder „ungewinnbar“ – oder kann man als Heldengruppe vielleicht nur gewinnen, wenn man plant und koordiniert und nicht einfach drauflosschnippt? Muss man „lang auf seinen nächsten Zug warten“ oder ist „keine Zeit“ in der ersten Partie, sich mit den Fähigkeiten der Mitspieler zu beschäftigen und sie optimal zu nutzen?

Es sind schwierige Zeiten für unseren kleinen Vierkirchner Spieletreff. Ich fürchte, er macht gerade eine Krise durch. Nur Vincent lässt sich davon nicht anstecken und erklärt begeistert jedem sein neues Imperial Settlers. Er hat es gerade auf der Spielwiesn erworben. Hoffentlich kann ich in drei Wochen eine Partie mitspielen.

Spieleabend 16. November 2015