Spielen in Vierkirchen

Brett- und Kartenspiele im Norden von München

Tag: Flamme Rouge

Juli 2020: Verlorene Paradiese

by Florian

Die letzte Brettspiel-Partie mit mehr als zwei Personen gab es Anfang März. Dennoch ist Corona nicht an allem schuld. Meine letzte Rollenspielrunde lag fünf bis sieben Jahre zurück, die vorletzte über zehn Jahre. Es fehlte an Mitspielern – und an der Bereitschaft, selbst Zeit zu investieren.

Dann kam der Juli. Endlich wieder ein Brettspielwochenende, im kleinen Kreis, unter Corona-Isolierten.

Flamme Rouge

Zunächst zur wichtigsten Nebensache der Welt: Radrennen. Mein Rouleur und mein Sprinteur jagten im Wettstreit mit den Teams von Anne, Nicole und Thomas über Kopfsteinpflaster. Auf Windschatten bedacht, platzierte ich meinen Sprinteur in der letzten Reihe des Startfelds, zwei hinter meinem Rouleur, der als Tempomacher vorgesehen war.

Pläne sind gut. Das Kopfsteinpflaster macht sie oft zunichte.

Die Damenmannschaften hielten das Tempo hoch. Thomas verlor seinen Sprinteur. Aussichtslos hing er im Niemandsland und schaffte erst im letzten Zug wieder den Anschluss ans Feld – viel zu spät, um in die Entscheidung einzugreifen. Dumm nur: Thomas‘ Rouleur hielt sich noch geschickter im Windschatten des Pulks als meine Jungs. Im Fotofinish musste ich mich geschlagen geben.

Meine erste Reaktion: Hätte ich nur meine Jungs vor dem Start ein Feld weiter nach vorn gestellt! Hätte, hätte, Fahrradkette. Das Rennen wäre ganz anders gelaufen. Auf Kopfsteinpflaster gibt es keine Zufallssieger. Mehr dazu am 25. Oktober, dem ungewöhnlichen Termin des diesjährigen Paris-Roubaix.

Risus

Am Samstagmorgen folgte die Pen-and-Paper-Rollenspielrunde. Als Regeln wählte ich Risus von S. John Ross, weil unkompliziert und kann ich selbst jetzt noch aus dem ff. Das Abenteuer stammt aus T&T Adventures Japan und heißt „Kitten-napped“. Die Spielfiguren werden magisch geschrumpft, um eine Katze aus einer Trollhöhle zu befreien.

Strichmännchen

Risus-Helden

Risus-Charaktere definieren sich durch Klischees. Ich hatte eine Tabelle mit hundert Fantasy-Klischees und hundert Adjektiven vorbereitet. Mein Vorschlag: Würfelt das erste Klischee aus und wählt die anderen passend oder denkt euch welche aus. Ein Adjektiv sollte nur das erste Klischee bekommen.

Guter Plan? Die Spieler hatten so viel Freude daran, mit dem W100 zu würfeln, dass jeder von ihnen alle vier Klischees jeweils inklusive Adjektiv zufällig bestimmte. Anne spielte beispielsweise Rafael, der aus einem Dorf im Dschungel namens Spanien stammt. In der Spielwelt kennt man ihn als kleingewachsenen Betrüger, aber auch als unberechenbaren Metzger. Sein Talent als gottloser Redner ist ausbaufähig („Du, du … du, du …. Trottel!“), und tja, auch als bartloser Seeräuber ist er nur im Nebenerwerb tätig.

Das Abenteuer verlief geradlinig, ja geradezu perfekt, hätte Alfred der unberechenbare Zauberer die Kobolde mit seiner Stimmenprojektion ablenken können. Nicht nur Zauberer sind unberechenbar, Würfel auch. Es war kein Wochenende, an dem Pläne aufgingen. Stattdessen lenkte der gottlose Redner schimpfend die Koboldwächter ab.

Auf dem Rückweg tobte sich Johny, der kaltblütige Barbar, im Kampf gegen eine Schlange aus. Alfred half, indem er Knoten in den Schlangenleib hexte. Endlich draußen, erlangten die Helden ihre gewohnte Größe zurück und strichen ihre Belohnung ein.

Mythos Tales

Ein rollenspielartiges Erlebnis liefert zumindest mir auch Mythos Tales von Hal Eccles und Will Kenyon. Die Lovecraft-Version von Sherlock Holmes Criminal-Cabinet spielt sich wie Call of Cthulhu ohne Spielleiter – oder zumindest die besseren Mythos Tales-Abenteuer.

Nicole und ich haben nun alle acht Abenteuer der Basisbox durch, und ohne Spoiler kann ich sagen: Sie sind nicht alle gleich gut.

Kein Rollenspielleiter antizipiert alle Ideen der Spieler. Bisweilen ist der „Keeper of Arcane Lore“, wie er bei Cthulhu heißt, zur Improvisation gezwungen. Nun kann, anders als ein Spielleiter, das Ermittlungsbuch von Mythos Tales schlecht vom gedruckten Text abweichen. Manche eigentlich gar nicht so abwegige Idee führt zu keinem Eintrag. Damit kann ich leben. Blöd wird es nur, wenn eine andere, mindestens genauso abgelegene Idee sich als idealer Weg der Ermittlung herausstellt.

Die besten Fälle sind meiner Meinung nach die breit angelegten mit zahlreichen Anlaufstellen, die mal mehr, mal weniger Informationen liefern. Nadelöhre in der Ermittlung hingegen machen die Szenarien nicht wirklich schwerer, sondern vor allem willkürlicher.

Maori

Das Wohlfühl-Spiel des Wochenendes war Maori von Günter Burkhardt, 2009 bei Hans im Glück erschienen. Die salzige Luft reinigte die Bronchien, die sanften Wellen revitalisierten den geschundenen Rücken. Und die Farben! Es war eine friedliche Bootsfahrt auf dem blauen Ozean. Nur für mich nicht. Ich bekam als Einziger keinen Blumenkranz ab. Von wegen Paradies.

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Jetzt schon ein Halbklassiker: Radrennen und Reformation in Reimlingen

by Florian

Es war einmal ein gar nicht so fernes Land, dem fiel der Himmel auf den Kopf. Außen herum freuten sich alle: Das Land war nun flach und rund wie ein Pfannkuchen. Es hatte fruchtbare Böden und ließ sich leicht bebauen. Die Leute siedelten dort, sie pflanzten Dinkel und Flachs und Rüben und nannten es das Ries.

Das Land war flach, bis auf einige merkwürdig geformte Hügel. Auf einen davon stellten die Menschen ein Schloss, das hieß Reimlingen. Während die Jahrhunderte vergingen, kamen sie immer wieder im Herbst in Reimlingen zusammen und unterhielten sich. Die eine las Gedichte vor, ein anderer einen Brief, den er erhalten hatte. Nachdem sie so vorgelesen hatten, erzählten sie sich Erlebnisse und alte Geschichten.

Um die Tradition aufrechtzuerhalten, entstand gegenüber dem Schloss im Jahr des Herrn 1922 ein neubarockes Bildungshaus. Hier war es, dass im Oktober 2019 eine Schar von Spielern zusammenkam. Sie aßen Kekse aus einem gläsernen Topf, von dem viele dachten, dass er keinen Boden habe, aber dann ging der Vorrat doch zu Ende. Sie nahmen Apfelschorle und Wasser von einem Bord, Wein und Bier aus einem Schrank, und o Wunder, am nächsten Morgen waren Bord und Schrank wieder voll.

So konnten sich diese Gäste zu Reimlingen ganz ihrer Beschäftigung widmen: dem Spielen. Und es ergab sich aus dem Verlauf ihrer Partien so manche Geschichte voller Überraschungen und Wunder, die es mit den Erzählungen aus alter Zeit aufnehmen konnte.

Ave im Colosseum

Die erste Stunde waren wir zu dritt in Reimlingen: Nicole, Sabine und ich. Wir hatten zwei kurze Sachen gespielt, um die Wartezeit überbrücken. Nun fingen wir Colosseum an. Es gilt, im römischen Theater Veranstaltungen durchzuführen und möglichst viele hochrangige Besucher anzulocken. Je mehr, desto besser. Die meisten Punkte gibt der Kaiser.

Wie es immer ist: Kaum dass wir angefangen hatten, trafen die ersten und dann immer mehr Leute ein. Wir sahen kurz auf und begrüßten, Nicole informierte über Essenszeiten und dergleichen, ohne die Partie ganz aufzugeben. Colosseum ist ein hübsches Spiel. So kam es, dass eine Reihe Mitspieler zusah. Bei der nächsten Wertung forderte ich Bonuspunkte für die Zuschauer, die zwar nicht in meine Arena gekommen waren, aber doch unseren Tisch umstanden.

So viele Zaungäste hatte wohl am ganzen Wochenende keine Partie mehr, aber angenehm an unserem hellen, großen Raum fand ich, dass man sich mit einem Blick orientieren konnte, was die anderen gerade so auf dem Brett hatten. Es war nicht möglich, sich in einem Nebenraum von Geräuschen abzuschotten, aber dafür kommunizierte es sich leicht. Nach einer kleinen Pause Mitspieler zu finden, war kein Problem. Nicole hat mir begeistert erzählt, wie schön sie es fand, mit einer Latte macchiato in der Hand in den Spieleraum zu kommen und von Sabine angestrahlt zu werden: „Bei uns wär noch ein Platz frei.“ Bubu lag auf dem Tisch: eines ihrer Lieblingsspiele.

Ahnungslos in Besançon

Vielen wird zu Ohren gekommen sein, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zur Reformation der Kirche an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg aushängte. Von den zeitgleichen Sorgen Karls des Fünften wissen weitaus weniger Menschen. Am Folgetag, dem 1. November 2019, ging er auf den Mauern der uneinnehmbaren Festung von Besançon auf und ab. Nachdem er lange nachgedacht hatte, traf der Herrscher über das Habsburgerreich, in dem die Sonne nie unterging, seine Entscheidungen. Es waren schlechte Entscheidungen. Wie es Politikern eben zu gehen pflegt, schätzte er die Weltlage falsch ein.

Er hatte keine Ahnung. Das lag daran, dass ich dieser Habsburger war. Weil ich noch eine Partie Splendor angefangen hatte, während die anderen frühstückten, verteilten sie ohne mich die Reiche. Ja, ich spielte Karl den Fünften. Ich stand überall, war jedermanns Nachbar, jedermanns Feind. Ich nahm Metz ein, erzürnte die Franzosen, flüchtete mich nach Besançon, in meine prächtige Lieblingsstadt am Flusse Doubs. Dort konnte mir nichts geschehen. Vaubans Verteidigungsanlage war uneinnehmbar. Aber ich hatte Zeit vertrödelt. Aus dem Osten kamen die Osmanen.

Die Osmanen kamen übers Mittelmeer. Meine Flotte war zu klein. Sie bestahlen mich, ich fütterte sie mit Siegpunkten und Karten. Sie rückten nun auch über Land vor, standen vor Wien. Ich hatte nicht genug gerüstet. Sie eroberten Wien, die Bürger erhoben sich gegen die Fremden in der Stadt. Das war eine Falle, die ich gestellt hatte – eine aufgehobene Karte. Leider eine Runde zu kurz aufgehoben. Wenn ich sie eine Runde später gespielt hätte, wäre es den Osmanen an den Kragen gegangen und Wien wäre wieder habsburgisch gewesen. Aber so konnten die Osmanen die Stadt ein zweites Mal erobern, ihre Nachschublinie sichern.

In der Zwischenzeit ging es hoch her. Luther, Zwingli, Calvin und Hobbes Bucer argumentierten, polterten, übersetzten Testamente. Die aufeinanderfolgenden Päpste, alle gespielt von Thomas O., exkommunizierten. In England drüben heiratete Heinrich der Achte dreimal, bis er endlich einen Sohn hatte, und freute sich über den Eifer der Reformatoren in seinem Land, der ihm geschenkte Siegpunkte brachte.

In der letzten Runde schlug ich endlich einmal zurück gegen meinen Plagegeist. Wien blieb verloren, aber ich scheuchte die Schiffe der osmanischen Piraten. Ich reduzierte ihre Flotte, und ich nahm ihnen Athen. Es war ein rasantes Finale, doch nicht mehr als ein Achtungserfolg. In der Punktwertung wurde ich Letzter. Bodo gewann mit Frankreich knapp vor Tilo als Luther und Thomas B. als Henry VIII.

Das Spiel, das wir spielten, heißt Here I Stand, nach Luthers berühmten Diktum auf dem Reichstag von Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Es dauerte von 10 bis 22 Uhr, einschließlich Regelerläuterungen. Es war ein Erlebnis, und ich verstehe die Begeisterung mancher Mitspieler gut, aber ehrlich gesagt: Es war mir zu lang. Schließlich gehe ich ganz gern einmal am Tag vor die Tür und bewege mich ein Stündchen. Ich bin sicher auch nicht der geduldigste Spieler, das merke ich jedes Jahr bei der Regvor.

Warum lief es so lang? Wir spielten zu sechst. Drei der Mitspieler waren Neulinge, darunter ich. Wir fragten immer wieder nach, uns fehlten Details, uns fehlte die Übersicht übers Ganze. Aber Here I Stand ist so komplex, dass selbst die drei Regelexperten bisweilen minutenlang in der Anleitung blätterten.

Dann gibt es auch noch Verhandlungsphasen. Die waren aber gar nicht das Problem, sie wurden in weiser Voraussicht zeitlich streng begrenzt. Ich persönlich hatte nicht viel zu verhandeln. Dazu fehlte mir zu sehr der Überblick. Dieses Element will mir auch nicht recht zu diesem komplexen Spiel passen. Ich mag Verhandlungsspiele sehr. Erfolgreiche Verhandlungsspiele haben aber typischerweise sehr einfache Regeln, damit die Spieler sich auf ihre Allianzen und Verträge konzentrieren können. Ich denke an Diplomacy.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die beiden Ebenen, die Here I Stand zu verbinden sucht: die militärische und die konfessionelle Eroberung. Es bleibt beim Versuch: Über weite Strecken laufen diese Eroberungen parallel, ohne sich zu berühren. Als geplagtem Habsburger war es mir fast egal, dass meine Bevölkerung lieber evangelisch sein wollte. Außerdem scheint es einen blinden Fleck im System zu geben: Der Islam spielt nicht mit. Wien wurde von den Osmanen besetzt, aber es blieb lutherisch.

Schließlich finde ich es schade, wenn die Narration, die historische Erzählung, die Here I Stand so faszinierend macht, unter einem Regelbrei verschwindet. Am nächsten Tag spielten wir A Brief History of the World. Das hat natürlich einen ganz anderen Maßstab, ist strategisch und taktisch viele Stufen harmloser, und ich will es nur insofern mit Here I Stand vergleichen, dass hier die Erzählung schwungvoll voranschreitet. Sollte es nicht möglich sein, auch die Geschichte der Reformation in einem Spiel ohne Stocken vorzutragen? Wenn das ginge, wäre ich gern dabei.

Here I Stand und Steam in Reimlingen

Here I Stand und Steam in Reimlingen

Der dritte Tag ohne Achim

Um es schlicht und streng festzuhalten: Achim ist nicht gekommen. Und ich will wie selbstverständlich hinzufügen: Er hatte gute Gründe.

Neun Zimmer konnten die Spieler sich in Reimlingen sichern, dazu einen Spieleraum hell und warm mit großen Fenstern, um die die Maler nebenan sie beneideten. Doch mehr hätten sie gebraucht. Maddie und Thomas und Dietmar mussten auswärts schlafen. Sie kamen nur zum Spielen und blieben, wenn sie wollten, zum Essen. Peter hatte wenigstens bis Freitag ein Zimmer im Bildungshaus. Am dritten Tag der Veranstaltung hätte er ausziehen müssen. Nur Christina und Rüdiger hatten kein Zimmer und wollten auch keins. Rüdiger wohnt in Nördlingen, vier Kilometer vom Tagungshaus entfernt. Sie blieben gern Tagesgäste.

Die neun Zimmer waren zu knapp. Und doch blieb eines leer. Es war das Zimmer von Thorsten und Achim. Thorsten war verhindert, das wussten wir. Von Achim wussten wir es nicht. Wir wussten überhaupt nicht viel. Er war der einzige angemeldete Teinehmer, den wir nicht kannten. Wir waren gespannt auf Achim.

Es war Mittwochabend. Nur Achim fehlte noch. Die Rezeption schloss, Nicole bekam Achims Zimmerschlüssel. Sicherheitshalber, falls er noch auftauchte. Achim kam nicht.

Es wurde Donnerstag. Als wir beim Essen zusammensaßen, wunderten wir uns. Am Abend machten wir uns Sorgen. Was mochte Achim zugestoßen sein?

Dann traf eine Nachricht ein, wenn auch nicht von Achim. Wir hörten, dass Achim mit gutem Grund am Vortag nicht gekommen war. Und dass er heute kommen wollte. Heute war fast vorbei. Niemand konnte Achim erreichen.

Es wurde Freitag. Wir frühstückten. Uns fiel auf: Es war der dritte Tag ohne Achim.

Es wurde Mittag. Achim kam nicht. Aber er meldete sich. Er hatte gute Gründe. Sein Zimmer spendete er. Es stand nicht mehr leer. Peter konnte bleiben. Leer blieb nur das Zimmer in Peters Pension.

Es wurde Samstag. Es wäre der vierte Tag ohne Achim gewesen, aber das bemerkte keiner. Wir haben ihn nicht kennengelernt.

Spaß am Spiel

In Reimlingen lagen alte und neue Spiele auf dem Tisch. Irgendeiner konnte immer die Regeln erklären. Nur bei Marco Polo II nicht. Peter hatte es frisch von der Messe in Essen mitgebracht. Er und Nicole pöppelten dankbar die Stanztafeln aus, während Carsten die Regeln studierte.

Es gab kurze und lange Spiele. Das Zepter von Zavandor gehört beiden Kategorien an. Es dauert nämlich Sabine zufolge eine Stunde. Also ein kurzes Spiel? Brigitte präzisierte: eine Stunde pro Mitspieler …

Eigentlich eine tolle Sache, wenn man 150 oder 200 ganz verschiedene Spiele zur Auswahl hat, auf Tischen an der Wand ringsum in Kisten gestapelt, geschichtet, gestopft. Da sollte doch für jeden etwas dabei sein?

Ja, nein, ähm, nicht ganz. Je länger die Leute spielen, desto stärkere Eigentümlichkeiten und Einschränkungen, Vorlieben und Vorurteile haben sie. Ich ganz besonders. Ich brauche bisweilen auch Abwechslung, um meinen Kopf auszuruhen. Es ist wirklich schwierig mit mir.

Besonders einmal. Das war am Donnerstag. Ich hatte am Morgen mit Maria ein nicht ganz triviales strategisches Spiel erstmals gespielt. Dann war mein Kopf voll. Nach dem Mittagessen hatte ich mich für anderthalb Stunden Radfahren absentiert. Nun stand ich mit Heiko, Thomas B. und Carolin, die ebenfalls für eine Partie offen waren, vor den Stapeln und Kisten. Aber es wollte sich partout nichts finden, was allen getaugt hätte. Einen gab es immer, der dazu keine Lust hatte – oder „nur im Notfall“.

Insbesondere neigen Thomas und Heiko zu ernsten langen, Carolin und ich zu kurzen lustigen Spielen, wie ich mal verallgemeinernd sagen will, auch wenn es Ausnahmen gibt und die Definitionen da weit auseinandergehen. Als alle meine Vorschläge abgeschmettert wurden, als immer mehr Strategiehämmer genannt wurden und ich schon ein dutzendmal gesagt hatte, das sei mir jetzt zu anstrengend, verfiel ich auf eine neue Argumentation: „Das ist nichts für Carolin.“

Es ist natürlich kein guter Stil, die vermutete Meinung anderer vorzuschieben, um die eigene Position zu stärken. Zum Glück ist Carolin nicht nachtragend. Dummerweise nannte Thomas dann ein Spiel, ich weiß nicht mehr welches, das nach meiner Meinung auch nichts für Carolin war. „Das finde ich eigentlich ganz gut“, widersprach Carolin lachend.

Wir einigten uns letztlich auf ein Mittelgewicht: London. Im Laufe der fünf Tage Reimlingen waren unter den leichten, lustigen Spielen das Rennen Lemminge und das kooperative Stichspiel Die Crew besonders beliebt. Lemminge spielte sogar Thomas S. zweimal, der es sonst möglichst komplex mag. Bei Katakomben dagegen, eigentlich ein Spannungs- und Lachgarant, wenn auch mit langer Spielzeit, ging es uns allen wie einem Querfeldeinläufer, der stolpert und mit dem Gesicht voraus in die Pfütze fällt. Wir hatten wohl nicht die richtige Runde beisammen.

Immer von neuem überrascht mich Lovecraft Letter – in Reimlingen wieder. Das ist eine etwas strategischere Loveletter-Variante, die mit einem Minimum an Entscheidungen auch unter Vielspielern zündet. Beim Versuch, einem Mitspieler einen Gehirnzylinder in den Kopf zu schrauben, hatte etwa Heiko großen Spaß.

Tichu ist sicher kein Spiel für jeden und sorgt auch nicht für lautes Gelächter, ich habe unsere ruhige Samstagnachmittagsrunde aber als ein Highlight erlebt. Sabine und Nicole traten gegen Brigitte und mich an. Im entscheidenden Spiel sagte erst ich, dann Sabine Tichu an. Ein einziger Stich entschied, wer zuerst die tausend Punkte überschreiten sollte. Ich sage herzlichen Glückwunsch, denn wir waren es nicht.

An den Abenden punkteten Just One und Codenames, aber das Konsensspiel nach 23 Uhr war doch immer wieder das Kneipenquiz. Am letzten Abend wollten wir es wissen. Mit „In your dreams“ wählten wir die schwierigste Stufe. Schließlich hatten wir vielerlei Kompetenzen am Tisch: Tilo wusste, dass Max Frisch Architekt gewesen war und Freibäder gebaut hatte. Peter war bekannt, dass ein Belebungsbecken nicht ebendort, sondern in einer Kläranlage zu suchen ist. Und wie oft Elizabeth Taylor verheiratet war, beantworteten zwei Damen gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen: „Achtmal!“

Die Vorleser wechselten. Marcus und Carsten ließen ihre sonoren Stimmen erklingen. Es konnte nichts schiefgehen. Oder doch?

Wir scheiterten um einen einzigen letzten Schritt. Wir hätten nur richtig beantworten müssen, wie der europaweit größte Autohof heißt, der zwischen Nürnberg und Würzburg liegt. Ich fahre selten Auto, aber ich kenne den Steigerwald gut. Ich schlug Geiselwind und Herzogenaurach vor. Wir rieten Herzogenaurach. Geiselwind wäre richtig gewesen.

Der König der Eisenbahn und andere Sieger

Dabei sein ist alles, na klar, aber letztlich kommt doch immer wieder die Frage: Wer hat gewonnen?

Die in Kriegsspielen erfolgreichste Nation des Wochenendes war vermutlich Frankreich. Mit der Tricolore in der Hand triumphierte ich in Maria und Bodo in Here I Stand. Vive la France!

Wie sah es mit Einzelpersonen aus? Nicole hat wahnsinnig oft gewonnen an dem Wochenende. Dietmar bestimmt auch. Aber der König der Eisenbahn war diesmal Carsten. Schon als er in Russian Railroads Erster wurde, sagte er, jetzt könne er beruhigt nach Hause fahren, tat es aber nicht, sondern machte auch noch den ersten Platz in 1844 Schweiz und auf gleichem Terrain in Steam, als wir die Alpenkarte ausprobierten, der er selbst vor mehr als 15 Jahren zusammengepuzzelt hat. Es lag wohl an seiner genauen Kenntnis des Geländes.

Was mich selbst angeht, hat mich mein Sieg in Brief History of the World überaus gefreut. Das Spiel macht mir großen Spaß, aber bisher landete ich immer im hinteren Teil des Feldes. Diesmal habe ich die richtige Welle erwischt.

Der Sieg, um den ich einen anderen am meisten beneidete, war der von Thomas B. im Radrennspiel Flamme Rouge. Im rosa Trikot schloss er den Bergaufsprint so souverän ab wie Julian Alaphilippe im vergangenen Frühjahr die Strade Bianche.

Die nächste Saison

Um metaphorisch beim Radsport zu bleiben: Reimlingen war das dritte Herbsttreffen. Die von Marcus gegründete Veranstaltung kann jetzt schon als Halbklassiker gelten und gehört fest zum Rennkalender.

Auch wenn das Tagungshaus in Reimlingen nächsten November keinen Platz für uns hat, hoffe ich, 2020 dennoch wieder am Start stehen zu können. Psst: Ich habe heute ein Telefonat auf unserem Flur belauscht, und ich kann euch verraten: Es könnte andernorts was werden …

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Juli 2019: Es kann nur einen geben

by Florian

Hurra, ich bin mal rechtzeitig dran mit meinem Monatsrückblick.

Flamme Rouge

Es gäbe eine naheliegende Einleitung. Juli, Tour de France. Entweder als gut informierter Fan: ohne Froome und Dumoulin spannend wie nie. Oder man könnte ein wenig über Doping lästern, womöglich als selbstgerechter Anhänger eines anderen Sports, in dem es keine ernsthaften Dopingproben gibt, obwohl sich Laufpensum und -intensität in den letzten fünfzehn Jahren um 50 Prozent gesteigert haben. Ich rede von Fußball.

Aber ach was. Wer sauberen Sport will, muss ihn selbst machen, rät Friedrich Küppersbusch. Ich spiele mit ungezinkten Karten und trinke, wenn ich radle, nur Wasser. Ich spiele gegen Nicole und gegen alle, die es wagen. Und wenn sich keiner traut, spiele ich Flamme Rouge auch allein. Seit der Peloton-Erweiterung stehen unabhängig von der Spielerzahl immer mindestens drei Teams am Start.

Flamme Rouge kann ein Glücksspiel sein, aber gewiss nur, wenn jeder weiß, was er tut. Der Autor Asger Harding Granerud berichtet, in seiner privaten Runde werde die Strecke Tage vor dem Rennen bekannt gegeben, damit sich jeder einen Rennplan zurechtlegen kann. Der wird dann möglichst umgesetzt.

Radfahrer.

Team Rosa zieht am Berg davon

Manchmal kommen die Karten nicht, wie sie sollen. Dann muss man improvisieren. Das kann in die Hose gehen.

Meistens aber verliere ich aus Unfähigkeit. Ich verliere häufig, aber ich lerne langsam dazu, und manchmal bringe ich sogar meinen Sprinter über den Berg, um am Ende gnadenlos das Tempo anzuziehen und mit großem Vorsprung zu siegen. Nicht oft, aber umso lieber denke ich daran zurück.

Just One

Überraschung! Der Vierkirchner Spieletreff existiert noch. Und er hat gute Laune. Wenn etwa Philipp seinen Auftrag vergisst, den Schlüssel vorbeizubringen, und dann erst im dritten Anlauf den richtigen erwischt, haben wir garantiert schon zwei Runden Just One gespielt, draußen vor der Tür, im Stehen.

„Das Raten ist ja gar nicht so einfach, wie ich erst dachte“, sagte Max und kam leider nicht darauf, was „Kürbis“ mit „Zitrone“ zu tun haben könnte. Beim nächsten Mal klappt es besser, und dann vielleicht gemütlich im Sitzen.

Allerdings definitiv ohne Sergej. In den Sommerferien verabschiedet er sich nach Nordbayern. Mach’s gut, Sergej, mit dir war es lustig. Wir wünschen dir alles erdenklich Gute – und einen netten Spieletreff in der Nähe.

Just One haben Ludovic Roudy und Bruno Sautter erdacht. Es ist gerade zum Spiel des Jahres 2019 gewählt worden.

Watson & Holmes

Wir sind durch. Alle dreizehn Fälle haben wir bewältigt. Fünf davon mit Auszeichnung.

Watson & Holmes von Jesús Torres Castro ist der kompetitive Bruder von Sherlock Holmes: Consulting Detective. Wir lösen Kriminalfälle mit Hilfe von Einträgen, die hier nicht in einer Fallakte, sondern auf Karten stehen. Letzten Herbst haben wir begonnen, jetzt im Juli die zweite Hälfte gelöst. Es fing gut an, es macht Spaß wie die meisten Krimipuzzle … aber drei Einwände habe ich doch.

Erstens: der Wettbewerbscharakter. Ist es wirklich sinnvoll, ein Krimispiel als Wettbewerb auszulegen? Daran sind schon viele Spieleautoren gescheitert. Wir sind doch keine Kriminellen, jeder von uns will, dass der Mörder entlarvt wird. Jede gute Idee ist willkommen. Nicole und ich rätseln jedenfalls lieber gemeinsam und sind schon ab dem zweiten Fall zu einem selbst erdachten kooperativen Modus gewechselt.

Zweitens: die Qualität der Fälle. An Consulting Detective kommen sie lang nicht heran. Die Schwierigkeit besteht oft darin, ohne besonderen Grund an einen bestimmten Ort zu gehen, um dort eine wichtige Information zu erhalten, die überall stehen könnte. Etwa eine unvermittelte Einsicht von Holmes, die er uns jederzeit referieren könnte, aber nein, es bekommt sie nur zu hören, wer zusammen mit dem Meisterdetektiv die Toilette aufsucht …

(Nein, das war kein Spoiler.)

Und drittens: die sprachliche Qualität. Watson & Holmes leidet unter ungenauer Sprache. „Nur die Fakten zählen“, lässt uns Sherlock wiederholt wissen. Die Fakten, die wir in Form von Sprache vermittelt bekommen. Leider unpräzise. Das Lesen der Hinweise hinterlässt viele Fragen. Ist das Absicht? Manchmal ja, denke ich. Da bleiben Sätze schwammig, damit die Lösung nicht zu nahe liegt. Manchmal sicher auch aus Versehen. Und dann hat sich das Problem durch eine miserable Übersetzung ins Deutsche verschärft. Ich könnte hier seitenweise Sätze zitieren, aus denen sich problemlos der englische Text reproduzieren lässt, die aber auf Deutsch schlampig und falsch sind. Gerade für ein literarisches Spiel sollte man als Verlag einen fähigen Übersetzer engagieren, wenn man sich nicht blamieren will. Asmodee hat sich mit Watson & Holmes blamiert. Zumindest in Vierkirchen.

Würfel-Bohnanza

Wir waren wieder im Spielehotel Tschitscher in Nikolsdorf bei Lienz. Der Wirt hat uns nicht nur eine Jause bereitet, als kein Abendessen aufzutreiben war, sondern beim Auftischen auch dieses lustige Würfelspiel von Oberbohnenbauer Uwe Rosenberg erklärt. Ein Moment, der im Gedächnis bleibt.

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