Juli 2020: Verlorene Paradiese

von Florian

Die letzte Brettspiel-Partie mit mehr als zwei Personen gab es Anfang März. Dennoch ist Corona nicht an allem schuld. Meine letzte Rollenspielrunde lag fünf bis sieben Jahre zurück, die vorletzte über zehn Jahre. Es fehlte an Mitspielern – und an der Bereitschaft, selbst Zeit zu investieren.

Dann kam der Juli. Endlich wieder ein Brettspielwochenende, im kleinen Kreis, unter Corona-Isolierten.

Flamme Rouge

Zunächst zur wichtigsten Nebensache der Welt: Radrennen. Mein Rouleur und mein Sprinteur jagten im Wettstreit mit den Teams von Anne, Nicole und Thomas über Kopfsteinpflaster. Auf Windschatten bedacht, platzierte ich meinen Sprinteur in der letzten Reihe des Startfelds, zwei hinter meinem Rouleur, der als Tempomacher vorgesehen war.

Pläne sind gut. Das Kopfsteinpflaster macht sie oft zunichte.

Die Damenmannschaften hielten das Tempo hoch. Thomas verlor seinen Sprinteur. Aussichtslos hing er im Niemandsland und schaffte erst im letzten Zug wieder den Anschluss ans Feld – viel zu spät, um in die Entscheidung einzugreifen. Dumm nur: Thomas‘ Rouleur hielt sich noch geschickter im Windschatten des Pulks als meine Jungs. Im Fotofinish musste ich mich geschlagen geben.

Meine erste Reaktion: Hätte ich nur meine Jungs vor dem Start ein Feld weiter nach vorn gestellt! Hätte, hätte, Fahrradkette. Das Rennen wäre ganz anders gelaufen. Auf Kopfsteinpflaster gibt es keine Zufallssieger. Mehr dazu am 25. Oktober, dem ungewöhnlichen Termin des diesjährigen Paris-Roubaix.

Risus

Am Samstagmorgen folgte die Pen-and-Paper-Rollenspielrunde. Als Regeln wählte ich Risus von S. John Ross, weil unkompliziert und kann ich selbst jetzt noch aus dem ff. Das Abenteuer stammt aus T&T Adventures Japan und heißt „Kitten-napped“. Die Spielfiguren werden magisch geschrumpft, um eine Katze aus einer Trollhöhle zu befreien.

Strichmännchen

Risus-Helden

Risus-Charaktere definieren sich durch Klischees. Ich hatte eine Tabelle mit hundert Fantasy-Klischees und hundert Adjektiven vorbereitet. Mein Vorschlag: Würfelt das erste Klischee aus und wählt die anderen passend oder denkt euch welche aus. Ein Adjektiv sollte nur das erste Klischee bekommen.

Guter Plan? Die Spieler hatten so viel Freude daran, mit dem W100 zu würfeln, dass jeder von ihnen alle vier Klischees jeweils inklusive Adjektiv zufällig bestimmte. Anne spielte beispielsweise Rafael, der aus einem Dorf im Dschungel namens Spanien stammt. In der Spielwelt kennt man ihn als kleingewachsenen Betrüger, aber auch als unberechenbaren Metzger. Sein Talent als gottloser Redner ist ausbaufähig („Du, du … du, du …. Trottel!“), und tja, auch als bartloser Seeräuber ist er nur im Nebenerwerb tätig.

Das Abenteuer verlief geradlinig, ja geradezu perfekt, hätte Alfred der unberechenbare Zauberer die Kobolde mit seiner Stimmenprojektion ablenken können. Nicht nur Zauberer sind unberechenbar, Würfel auch. Es war kein Wochenende, an dem Pläne aufgingen. Stattdessen lenkte der gottlose Redner schimpfend die Koboldwächter ab.

Auf dem Rückweg tobte sich Johny, der kaltblütige Barbar, im Kampf gegen eine Schlange aus. Alfred half, indem er Knoten in den Schlangenleib hexte. Endlich draußen, erlangten die Helden ihre gewohnte Größe zurück und strichen ihre Belohnung ein.

Mythos Tales

Ein rollenspielartiges Erlebnis liefert zumindest mir auch Mythos Tales von Hal Eccles und Will Kenyon. Die Lovecraft-Version von Sherlock Holmes Criminal-Cabinet spielt sich wie Call of Cthulhu ohne Spielleiter – oder zumindest die besseren Mythos Tales-Abenteuer.

Nicole und ich haben nun alle acht Abenteuer der Basisbox durch, und ohne Spoiler kann ich sagen: Sie sind nicht alle gleich gut.

Kein Rollenspielleiter antizipiert alle Ideen der Spieler. Bisweilen ist der „Keeper of Arcane Lore“, wie er bei Cthulhu heißt, zur Improvisation gezwungen. Nun kann, anders als ein Spielleiter, das Ermittlungsbuch von Mythos Tales schlecht vom gedruckten Text abweichen. Manche eigentlich gar nicht so abwegige Idee führt zu keinem Eintrag. Damit kann ich leben. Blöd wird es nur, wenn eine andere, mindestens genauso abgelegene Idee sich als idealer Weg der Ermittlung herausstellt.

Die besten Fälle sind meiner Meinung nach die breit angelegten mit zahlreichen Anlaufstellen, die mal mehr, mal weniger Informationen liefern. Nadelöhre in der Ermittlung hingegen machen die Szenarien nicht wirklich schwerer, sondern vor allem willkürlicher.

Maori

Das Wohlfühl-Spiel des Wochenendes war Maori von Günter Burkhardt, 2009 bei Hans im Glück erschienen. Die salzige Luft reinigte die Bronchien, die sanften Wellen revitalisierten den geschundenen Rücken. Und die Farben! Es war eine friedliche Bootsfahrt auf dem blauen Ozean. Nur für mich nicht. Ich bekam als Einziger keinen Blumenkranz ab. Von wegen Paradies.

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