Gedankenlesen im Duett: 2018 war anders

von Nicole

Neue Namen, neue Spielmechaniken, neue Orte, neue Mitspieler – 2018 ist anders. Umso mehr schätze ich zwischendurch Vertrautes. Wie die Kiew-Medaille in Russian Railroads oder die Anreise per Rad zum langen Spielewochenende, das immer im Frühsommer in Nördlingen über die Bühne geht.

Neue Namen

Wir heißen nicht mehr Vierkirchen verspielt Mixed Masters. Wir sind jetzt Die Großen Alten. Mit Carmela und Thomas vom Stuttgarter Brettspieletreff bilden wir 2018 erstmals ein baden-württembergisch-bayerisches Regvor-Team, werden Ende Februar in München Dritter und sind zufrieden. So zufrieden, dass wir 2019 eine Neuauflage planen, obwohl nicht nur ich von den vier Turnierspielen Russian Railroads, Azul, Mystic Vale und Machi Koro lediglich eines klasse finde.

Nach dem 22. Langen Brettspielwochenende des Stuttgarter Brettspieletreffs im Juni 2017 in Nördlingen hat Organisator Thorsten einen Schlussstrich gezogen. Wir spielen 2018 trotzdem in gewohnter Umgebung im Ries. Michael kümmert sich jetzt um alles und verpasst den Jufa-Tagen einen neuen Namen: Nördspiel. 2018 noch am gewohnten Christi-Himmelfahrt-Termin, 2019 dann über Fronleichnam.

Neue Spielmechaniken

Lange waren wir skeptisch, 2018 probieren wir’s: das Legacy-Prinzip. Spiele durch Aufkleber und Zerreißen von Karten dauerhaft zu verändern, widerstrebt mir. Bei Pandemic Legacy Season 1 funktioniert es. Jede der 22 Partien packt mich, gegen Ende des Abenteuers werden es auch schon mal drei, vier an einem Tag. Zum Glück haben wir Straßensperren, Forschungszentren und Seren bedächtig eingesetzt, sonst gäbe es die Menschheit längst nicht mehr. Sie wäre eingegangen an Fußballfieber, Morbus Corax, Logorrhoe oder COdA-403d. Wir gaben nicht nur den Krankheiten, sondern auch den Charakteren Namen. Von Marie Miau war ich etwas enttäuscht. Verena Vau, Nilsi Wow und Bella Ciao waren es wohl auch.

Pandemic Legacy von Matt Leacock und Rob Daviau ist nur deswegen unser erstes Legacy-Spiel, weil das vorbestellte The Rise Of Queensdale einfach nicht kommen will. Im Nachhinein bin ich froh, denn als das Päckchen endlich eintrifft, erweist sich die Rettung der Königin im Vergleich zur Rettung der Menschheit als fad bis ärgerlich. 16 Partien brauchen wir, bis wir es hinter uns gebracht haben.

Karten in aufsteigender Reihenfolge abzulegen, ist keine Kunst. Außer man hält die Klappe dabei. The Mind von Wolfgang Warsch ist unglaublich einfach und, in der richtigen Runde, unglaublich spannend. 38-mal kommt es 2018 auf den Tisch, zu zweit, zu dritt, zu viert und sogar zu fünft. Letzteres in einer vom Blutmond beschienenen Julinacht auf einer Hotelterrasse in Niederbayern, untermalt von den Klängen einer Band, die im angrenzenden Festsaal bei einer Hochzeit aufspielt. Bis zum siebten Level kommen wir, rauchend, mitsingend und Cocktails trinkend. Ich mag unsere Neffen und Nichten, die zu jedem Familientreffen voller Vorfreude auf Spieleabende anreisen. Zu zweit gewinnen Florian und ich The Mind öfter und haben dann noch einen Riesenspaß, wenn wir auch blind die eine oder andere Bewusstseinsstufe nehmen. Zu viert schaffen wir es nur ein einziges Mal, im November in Rotenburg an der Fulda, doch davon später mehr.

Pandemic Legacy Season 1 und The Mind sind neu, extrem verschieden, einfach nur großartig. Aber nicht unser Spiel des Jahres. Der Titel gebührt Codenames Duett von Vlaada Chvátil und Scot Eaton. Codenames fanden wir schon überragend, Codenames Duett schickt uns auf eine schier nicht enden wollende Weltreise, auf der wir verflixt oft über Hawaii stolpern und trotz etlicher Fehlversuche nicht müde werden, auch noch Singapur zu erreichen. Am 9. Oktober, nach zweieinhalb Monaten Kampagne und 69 Partien, kommen wir endlich an. Zum Jahresausklang werden wir es noch einmal spielen, mit den Begriffen aus dem Grundspiel. Ohne Hawaii, dafür vielleicht mit Elf, Schneemann, Nuss und Schokolade.

Unser Spiel des Jahres ist Codenames Duett

Neue Orte, neue Mitspieler

Unser Spiel des Jahres ist bekannt gegeben, und trotzdem höre ich nicht auf zu schreiben. Weil ich vom Spielen und Entspannen am Brombachsee erzählen will, vier Tage lang im Juni. Mehr Entspannen als Spielen, aber mit liebgewonnenen Mitspielern aus Stuttgart. Sogar Spiele kann man in der Gegend kaufen, Florian entdeckt ein verstaubtes San Marco in einem Laden, in dem ein, zwei Kunden pro Woche vorbeischauen dürften. Wir anderen stehen derweil vor der Tür des Geschäftes, um das schlafende Baby im Laden nicht zu zu wecken mit unseren Mutmaßungen über die Unwahrscheinlichkeit, in solch einem Örtchen etwas Interessantes zu finden.

Im Juli radeln wir in dreieinhalb Wochen von Karlsruhe nach Saarbrücken. Mit Umweg über Frankreich, einmal quer durch bis Bayeux und zu den Landungsstränden der Alliierten. Als wir fast schon wieder zurück in Deutschland sind, treffen wir uns in Thionville mit Jenny und Thierry. Zum Dank für ihre Gastfreundschaft und das geschenkte Star Realms schicken wir ihnen später Die Quacksalber von Quedlinburg. Jenseits des Rheins hat man durch die gerade verliehene Auszeichnung Kennerspiel des Jahres überhaupt erst von dessen Existenz erfahren und ist neugierig.

Kurz nach der Regvor im Februar hatte mich eine Mail von Regelguru und Dauer-DM-Qualifikant Stephan erreicht, eine Einladung, doch mal beim Brucker Spieletreff vorbeizuschauen. Ende September nehme ich sie an und mache mich Freitag nach der Arbeit auf nach Emmering. Ich lerne nette Mitspieler kennen, dazu Photosynthese und Pioneers. Zwei Wochen später schlagen wir zu zweit auf. Und Anfang Dezember ein drittes Mal. Nächsten Sommer wollen wir mal nachts aus Emmering heimradeln. Unterwegs im Dunkeln lässt es sich vortrefflich über Züge , Taktiken und Würfelglück quatschen.

Spielen an Allerheiligen, zwischen Essen und den Weihnachtsfeiern der Adventszeit, ist eine ganz wunderbare Idee. Zweimal hat Marcus ein verlängertes Wochenende auf der Schwäbischen Alb organisiert. Als er für Herbst 2018 buchen will, hat das Gästehaus in Ruppertshofen keine Kapazitäten mehr. Schade, ich mag den kleinen Kreis und die überschaubare Anreise.

Wir probieren Rotenburg an der Fulda aus. Der Spieletreff Oberhof ist inzwischen hierher gewandert. Sein Herbstableger ist mit 50 Doppelzimmern fast intim. Mir kommt er trotzdem riesig vor. Ich mache die Bekanntschaft von Kristina, Krass kariert, Lift off und Carpe Diem, zähle mit Florian und Carsten Schritte auf Wanderungen durch den goldenen Herbstwald, stolpere auf dem Weg zum Klo über den Carcassonne-Autor Klaus-Jürgen Wrede, den ich nicht als solchen erkenne, und sehe aus den Augenwinkeln Stefan Feld, dem ich am liebsten sagen würde: Ey, Bubu ist einfach nur geil. Aber das werden ihm schon 1000 andere vor mir gesagt haben. Klassiker spielen wir auch, Brief History of the World, natürlich Burgen von Burgund, Fürsten von Florenz. Die Zeit ist zu knapp, um auch noch mit Goa fertig zu werden. Dann müssen wir schon wieder zum Zug. Auf der Rückfahrt klappt sogar fast alles. Trotzdem erscheint mir eine halbe Deutschlandreise hin, eine halbe zurück sehr lang für viereinhalb Tage Spielen.

2018 ist das Jahr, in dem trotz aller Vertrautheiten einiges neu und anders ist. 2019 wird zumindest schon einmal eine Neuheit bringen: Ich will mich als Spieletreff-Organisatorin versuchen. Allerheiligen irgendwo zwischen Stuttgart und Vierkirchen, aber nicht in Ruppertshofen. Da ist schon wieder alles voll. Vielleicht kann ich neue Mitspieler für ein Brettspiel-Wochenende gewinnen und alten eine lange Fahrt ersparen. Ob’s klappt? Ich weiß es nicht. Aber einen Versuch ist es wert.

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