Beim Drachen nebenan

von Florian

Eines wollte ich in Sankt Petersburg immer schon ausprobieren: in der ersten Runde ein Theater bauen, das jede Runde sechs Punkte bringt, und abwarten, wie lange der Punktevorsprung hält. Wer das Spiel kennt, weiß: Man ist dann ganz abgebrannt und braucht mindestens zwei Runden, um wieder flüssig zu werden. Theater ist eine brotlose Kunst, bringt aber Ansehen in Form von Siegpunkten.

Nach zwei Runden zog Antonia vorbei, die Feuerwehren für je drei Siegpunkte baute und damit flexibler war als ich mit dem doppelt so wertvollen Theater. Nach vier Runden zog Christian vorbei, der blaue Gebäude inzwischen billiger bekam und sie im Dutzend einkaufte – angefangen mit fünf Märkten, die er bevorzugt abriss, um sie mit edleren Gebäuden zu überbauen. Kurz darauf zog auch Nicole vorbei, deren Punkte von der Adelsriege samt Hofmeisterin kamen.

Alles auf eine Karte

Nicole gewann, die beiden Petersburg-Neulinge schlugen sich mit zehn bis 20 Punkten Rückstand achtbar, ich wurde klar Letzter. Nie wieder setze ich alles auf eine Karte.

Nie wieder – zumindest bis das Zeitalter des Krieges anbricht. Dummerweise hieß so unser nächstes Spiel. Und ich setzte alles auf Kasugayama. Diesen Namen trägt die am schwersten zu erobende Provinz Japans. Ich scheiterte dreimal, Christian ebenfalls zwei- oder dreimal. Er wechselte auf leichter zu erfüllende Karten, ich bekam schließlich doch noch Kasugayama – und in der letzten Runde ihre Schwesterprovinz Kitanosho dazu. Das brachte den überraschenden Spielsieg. Die anderen hatten jeweils ein Set gesammelt.

Es war zehn vor zehn, Vincent sollte gehen, fand Christian. Vincent hatte am Nebentisch gerade angefangen, Drachenschatten zu spielen, das er sich seit Wochen wünscht. Wir ließen ihn, denn mit Love Letter fanden wir dann doch noch Antonias Favoriten im Drachenhort – pardon, Spielestapel.

Ein Ring, sie zu knechten

Love Letter gibt es jetzt in der Hobbit-Edition – gleiches Spiel, anderes Thema. Wie bei Sankt Petersburg war es die alte Version, die in Vierkirchen auf den Tisch kam. Christian wollte als Einziger eine Übersichtskarte, obwohl er vor zwei Wochen an gleichem Ort Sieger geworden war. Er machte auch das erste Herz, wenn man das so sportlich ausdrücken kann. Was sammelt man wohl in der Hobbit-Edition? Der Eine Ring, sie zu knechten, reicht nicht ganz für eine Sammlung. Dann doch eher die sieben für die Zwergenherrscher in ihren Hallen aus Stein?

Wir spielten um Herzen. Christian und ich holten jeder nur eins. Nicole und Antonia flogen je zwei zu. Dann war der Drache besiegt – nicht von uns, wir hatten ja nicht die Smaug-Edition, sondern von Vincent am Nebentisch. Wir löschten die Lichter in der Höhle. Michael schloss die Tür ab. Die Schätze aber trugen wir in unseren Sporttaschen wieder nach Hause.

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