Regeln lesen für Fortgeschrittene

von Florian

Anfang Februar verschickt Regvor-Veranstalter Jo eine Rundmail: Es sollen Spielepreise beschafft werden. Ob wir denn Wünsche hätten? Ich rege an, Colt Express zu wünschen. Ich habe nämlich so eine Ahnung, dass Zugüberfälle für bis zu sechs Personen in Vierkirchen gut ankommen. Für die Auswärtigen: Vierkirchen liegt an der ICE-Strecke München – Nürnberg.

Ein Preis

Sonntag gegen 18 Uhr steht fest: Die Mixed Masters haben den vierten Platz bei der Regvor erreicht. Es ist der erste Platz, auf dem man ein Spiel gewinnt. Jo fragt, ob wir Colt Express noch wollen. Keine Frage! Kapitän Nicole nimmt es entgegen.

Gegen 19.20 Uhr stehe ich in der U-Bahn und starre aufs Smartphone. Harald Schrapers hat auf seiner Website gerade einen enthusiastischen Testbericht über Colt Express veröffentlicht. Er weist aber auch auf bis zu 60 Minuten Zeitaufwand hin, um den 3D-Zug – den Spielplan – aufzubauen. Ich beginne sofort mit der Regellektüre. Am Montag um 20 Uhr ist nämlich Vierkirchner Spieletreff. Ein paar Leute würden gern Colt Express spielen. Ich zähle definitiv dazu, kann mich aber gerade nicht auf die Regeln konzentrieren.

20.30 Uhr, Nicole und ich sind beim Griechen gelandet, um nicht noch kochen zu müssen. Ich erkläre mich außerstande, Colt Express pünktlich für den Montagabend vorzubereiten. Trotzdem fange ich gegen 22.00 Uhr mit dem Zugbau an, schaffe die Lok und zwei Waggons.

Wasserschaden

Montagmorgen. Während des Frühstücks setze ich den Zugbau fort. Nur keine Marmelade an die Waggons bringen.

Wann soll ich nur die Regeln lesen? Natürlich in der S-Bahn. Ich werfe sie in die Klappradtasche. Die Fahrt reicht für einen groben Durchgang. Cooles Spiel.

Den letzten Teil der Strecke lege ich mit dem Rad zurück. Dummerweise hat gerade die zweite Sintflut begonnen. Meine Tasche ist bestenfalls spritzwasserdicht. Eine Tüte für die Anleitung habe ich vergessen. Sie wird durch und durch nass. Im Büro räume ich den halben Schreibtisch, um sie ausbreiten zu können. Mittags ist sie schon wieder trocken genug, um einige Fragen zu klären, die mir durch den Kopf gehen.

Ich arbeite extra schnell, um zehn Minuten früher gehen zu können. Am Ende habe ich deutlich mehr als sonst geschafft.

Für den Regenfall stecke ich die Anleitung diesmal zusätzlich in eine gepolsterte Notebooktasche. Keine Ahnung, ob sie Wasser abhält. Es tröpfelt nur. In der S-Bahn lese ich die Anleitung ein zweites Mal. Jetzt ist wirklich alles klar. Wenn nur nicht der Zug-Aufbau wäre.

Zu Hause hat Nicole einen Regvor-Bericht geschrieben. Sie findet, ich sollte erst einmal den Korrektur lesen und formatieren und mich um die Bilder kümmern. Ich baue während des Essens einen weiteren Waggon zusammen. Ein Krach kann nur mit Mühe und beiderseits viel Verständnis verhindert werden.

19.15 Uhr. Ein Waggon-Seitenteil scheint zu fehlen. Egal, fünf Waggons müssen reichen. Und zwei Kakteen.

Die Bahn kommt pünktlich

19.50 Uhr, der Artikel wird veröffentlicht und wir starten mit fünf von sechs Waggons zum Spieletreff. Natürlich findet sich eine Sechserrunde. Macht nichts, das wird auch gehen. Ich erkläre auf Englisch für den irischen Austauschschüler Jack – und auf Deutsch, weil ich nicht sicher bin, ob alle mein Englisch ausreichend verstehen. Waggon übersetze ich mal mit „coach“, mal mit „car“. Jack, ein eher stiller Zeitgenosse, protestiert gegen keines von beiden. Neben Vincent ist er eh der Einzige, der die Regeln ohne siebzehn Nachfragen versteht.

Das Spiel kommt gut an. Aber was sagen die Mitspieler zu meinem Einsatz? „Die Anleitung ist ja nass geworden!“ höre ich vom anderen Ende des Tisches, wo jemand bessere Augen als ich hat. Und neben mir: „Zum Glück ist es euer Spiel!“ Mein Favorit lautet aber: „Habt ihr das gestern noch gespielt?“

So, und jetzt gehe ich nachschlagen, ob man für Eisenbahnwaggon auf Englisch „coach“ oder „car“ sagt.

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