Dabei sein

von Nicole

„Stadt Land Spielt“ ist sein Ding. Er war bei der Premiere ein Jahr zuvor in Nürnberg und fand: Das passt zu uns. Er kümmert sich um die Anmeldung, entwirft ein Logo für den Spieletreff, legt eine Liste mit Spielen an, die geeignet wären für den bundesweiten Spielenachmittag. Nicht zu kompliziert, nicht zu lang, ideal für Gelegenheitsspieler. 50 Stück will er mitbringen, der Rest kommt von den anderen. Er spielt fast alle Spiele noch mal, um die Regeln erklären zu können, und bereitet einen Countdown im Blog vor: noch 30 Tage, noch 13 Tage.

Der Text für „Noch drei Tage“ ist geschrieben, wartet darauf, veröffentlicht zu werden. Da passiert dieser Fahrradunfall. Auf dem Weg nach Scheyern, zu einem Hopfenzupferbier. Aufgeplatzter Asphalt auf dem Radweg, kurz hinter der Kuppe, die Krater schlecht zu sehen. Sturz in die Böschung, Schmerzen, Schreie, Autofahrer, die helfen, einer ist sogar Arzt. Polizei, Krankenwagen, Notarzt, mit dem Hubschrauber ins Klinikum Ingolstadt.

Acht Tage vor „Stadt Land Spielt“ landet er auf der Intensivüberwachung. Schulterblatt gebrochen, dazu fünf Rippen, die Lunge angepiekst. Später werden sie von kollabierter Lunge sprechen. Überall Schläuche. Als das Herz kurz aussetzt, wird er zum Notfall, alle Besucher müssen die Station verlassen. Ärzte und Schwestern kümmern sich nur noch um ihn. Sieben Tage vor „Stadt Land Spielt“ ist er zugedröhnt mit Schmerzmitteln, darf nicht aufstehen, lächelt aber, wenn Besuch kommt. Reden geht gut, alles andere ist schwierig.

Jeder Tag bringt einen Fortschritt. Sechs Tage vor „Stadt Land Spielt“ wird er auf Normalstation verlegt, Unfallchirurgie, ein Stockwerk höher. Weniger Schläuche, weniger piepsende Maschinen, wieder ein Vier-Mann-Zimmer. Fünf Tage vor „Stadt Land Spielt“ operieren sie seine Schulter, setzen eine Metallplatte ein. Damit die Lunge keine Probleme macht, wird eine Drainage gelegt. Er wacht auf, und Schläuche kommen aus dem Rücken und aus der Lunge. Die Schmerzmittel „sind besser als Bier“. Als er zwei Stunden nach der Operation vom Röntgen zurück auf die Station geschoben wird, strahlt er wie Queen Mum bei der Geburtstagsparade.

Vier Tage vor „Stadt Land Spielt“ darf er aufstehen, den rechten Arm am Körper festgeklemmt, damit die Schulter nicht bewegt wird. Jetzt geht es schnell. Er tauscht den Krankenhauskittel gegen Hose und Hemd, lernt, mit bewegungsunfähiger Schulter ein T-Shirt anzuziehen, schlurft über den Gang, geht im Treppenhaus rauf und runter. Der Schlauch aus der Schulter wird an dem Tag entfernt, an dem im Blog „Noch drei Tage“ erscheint. Einen Tag später verschwindet der aus der Lunge. Es ist Freitag, am Sonntag findet „Stadt Land Spielt“ statt. Er weiß, dass er die Veranstaltung verpassen wird, aber er hofft trotzdem.

Am Samstag bringt seine Frau alle Spiele ins Pfarrheim Vierkirchen, um dann mit ihm einen langen Krankenhaustag zu verbringen. Der Stationsarzt sagt, er könne auf keinen Fall schon heute gehen. Dass er es überhaupt in Erwägung zieht, macht Mut. Samstagabend erzählen die Schwestern, für seine Entlassung am nächsten Tag sei alles vorbereitet.

Am Sonntag sitzen er und seine Frau ab halb neun da und warten. Der Oberarzt muss noch unterschreiben, irgendetwas ausgefüllt werden. „Stadt Land Spielt“ beginnt um 13 Uhr, um halb eins bringen ihm die Schwestern paniertes Kotelette. Dann bekommt er den Brief.

Kurz nach eins fahren sie los. Um zwei sind sie in Vierkirchen, gehen langsam zum Pfarrsaal. Nur drei Räder stehen davor. Durch die Jalousien erkennt man nicht viel. Ist überhaupt jemand gekommen? Haben Plakate und Artikel in Tageszeitungen und Anzeigenblatt etwas gebracht?

Direkt hinter dem Eingang ist auf zwei Tischen Carabande aufgebaut. Dahinter an der Wand stehen fünf Tische mit allen anderen Spielen, die großen stehend und leicht versetzt die kleinen davor liegend. Jeder Besucher sieht erst das Auto-schnipp-Spiel, dann die vielen, vielen bunten Kartons. Das wirkt so einladend.

Und wie jeder Besucher wird auch er gleich begrüßt. Michael kommt auf ihn zu: „Jetzt sollten wir dir wohl nicht auf die Schulter klopfen.“ Christian, Carmen, Florian, alle freuen sich, dass er es geschafft hat. Da steht er mit seinem angeklemmten Arm rechts und dem Kugel-ansaug-Plastikteil zum Lungentraining in der linken Hand. Das einzige Spiel, das kein anderer an diesem Nachmittag spielen darf.

Qwirkle mit Carmen und Florian. Er genießt es, dass sie im Spiel kein Mitleid mit ihm zeigen. Ipad-geübt zocken sie ihn ab. Finca mit Eva und Babsi vom Spieletreff Dachau Ost, die sich mal in Vierkirchen umschauen wollten. Anschließend Love Letter. Und dann wird er müde, geht nach Hause und legt sich zufrieden ins Bett. Er war dabei.

Die anderen spielen noch weiter, phasenweise an neun Tischen, 40 Leute gleichzeitig. Spieletreff-Mitglieder und Besucher, Familien aus Vierkirchen, Markt Indersdorf, Petershausen und Röhrmoos. Sogar aus Ingolstadt, seine Schwägerin und sein Neffe. Sie spielen Splendor, Make’n’Break, Tac, À la carte, Kingdom Builder und Acht-Minuten-Imperium. Sie erklären Crazy Race, King of Tokyo, Samarkand, Augustus und Potato Man, Die Zwerge und Qwixx, sogar Heiß auf Eis findet Anklang. Am längsten braucht die Andor-Runde, ein Abenteuer reicht nicht, es müssen zwei sein. Die anderen Tische und Stühle sind aufgeräumt, die Spiele weggepackt, da kämpfen Zwerg, Krieger, Magier und Bogenschütze noch immer gegen das Böse.

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