Die Willkür des Wählens

von Florian

Heute erzähle ich mal keine lustige Geschichte. Heute muss ich mal grantig werden.

Das halte ich beim Thema Wahlen auch durchaus für angemessen. Auf unserem letzten Spieleabend – am Montag nach den Bezirks- und Landtagswahlen in Bayern, eine Woche vor der Bundestagswahl – drehte sich nämlich alles um Wahlen und Politik.

Bei uns in Bayern ist Politik stets mit Schimpfen verbunden. Wir schimpfen auf unsere Politiker, wenn sie sich mal wieder aus der Kasse bedienen und beispielsweise ihren 12-jährigen Sohn als Administrator ihres Büro-PCs beschäftigen. Aber, und das ist für die Norddeutschen so schwer zu verstehen, anschließend wählen wir genau die Politiker doch wieder. Weil wir uns damit sozusagen das Recht erkaufen, weiter auf sie zu schimpfen.

Ich will aber gar nicht über Politiker herziehen. Sondern über Spieleautoren. Es gibt da eine Mechanik, die ich so gar nicht mag. Wenn man sich nämlich ein Opfer unter den Mitspielern rauspicken soll. Viel zu oft bin das nämlich ich.

Anders gesagt, ich bin mit Spielereignissen wie „Jeder Spieler verliert zwei Rohstoffe“ durchaus einverstanden. Ich bin aber nicht einverstanden mit „Ein Mitspieler deiner Wahl verliert zwei Rohstoffe“. Ja, das heißt, dass ich den Räuber in den Siedlern von Catan eigentlich ablehne. Auch wenn ich nicht so weit gehen würde, dafür eine Hausregel einzuführen.

Zum Beispiel im netten Kartenspiel Sobek mit seinem Comicstil gibt es solche Ärgerkarten. Warum, wüsste ich gern. Mit der Mechanik haben sie nichts zu tun, mit dem Thema auch nicht. Deshalb ist mir Sobek zu zweit am liebsten, da gibt es nur einen Mitspieler, den es treffen kann. Die Wahl entfällt.

Nicht schlimm finde ich auch Ereignisse wie „Der Führende muss zwei Rohstoffe abgeben.“ Darauf muss man sich dann eben einstellen. Es ist die Willkür des Wählens, die mich stört. Und nicht nur, weil meine lieben Mitspieler mich so oft als Opfer benennen.

Friesematenten unterm Kreuz

Wie war es nun mit unseren Wahlspielen vom Montagabend, gab es dort solche Ärgerregeln?

Zunächst spielten Martin, Christian und ich das Kniziaspiel Mr. President aus dem Buch Neue Taktikspiele mit Würfeln und Karten. Wir legen 13 Karten, und wer die meisten Wahlkreise holt, die überwiegend aus mehreren Feldern bestehen, gewinnt. Bei Unentschieden um ein Kartenfeld gibt es dort keinen Sieger. Erstaunlich ist nur, dass ich bei einem Spiel mit so wenigen Regeln eine falsch erklären konnte. Es entscheidet natürlich zuerst die Zahl der gewonnenen Felder über den Sieg im Wahlkreis, und anschließend geht es um die Höhe der eingesetzten Karten. Nach den falschen Regeln hat jedenfalls Martin absolut korrekt gewonnen.

Anschließend brachten wir in großer Runde Koalition auf den Tisch: ein Kartenspiel, das schon wesentlich mehr mit Wählen zu tun hat. Hier gibt es auch eindeutige Ärgerkarten in Form von Skandalen, die für Rücktritte von Politikern sorgen. Sie treffen immer die höchste Karte. Liegen aber mehrere gleich hohe aus, kann der Spieler sich eine herauspicken.

Gewonnen hat Carmen. Ich selbst war Vorletzter, einen Platz vor Felix, den ich noch als politische Nachwuchshoffnung meinen Mitspielern ans Herz gelegt hatte.

Koalition fand ich spannend und witzig, würde ich gern noch mal probieren. Vielleicht mit etwas weniger Leuten. Und ganz sicher langsamer, um mehr ins Thema einzutauchen. Mit einer großen Tafel für die Mehrheitsverhältnisse in den Ländern, sodass jeder sie sehen kann.

Die Wahl der Koalition, wenn die Karten erst einmal gespielt sind, birgt sicherlich Ärgerpotenzial. Hier könnte man einen Mitspieler von den Punkten ausschließen, weil einem seine Nase nicht passt oder weil er eh oft genug gewinnt. Was bei uns in Vierkirchen natürlich nie jemand tun würde.

Inzwischen war es leer geworden im Saal. Nicole, Michael und ich spielten noch einen Absacker: Friesematenten. Und das ist ein reines Ärgerspiel. Nach den oben geäußerten Prinzipien müsste ich es zerreißen. Jede Karte einzeln. Wir Spieler sind Profithaie und quälen ständig Mitspieler, nehmen ihnen Fabriken oder Statusobjekte wie den WM-Ball 1972 und die Locke von Elvis weg.

Aber ich mag Friesematenten. Das Ärgern ist so sauber mit dem satirischen Thema verwoben. Und dadurch, dass immer alle Karten offen auf dem Tisch liegen, weiß jeder frühzeitig, wer welche bösen Aktionen durchführen könnte. Die Drohungen in der Luft schaffen die Spielatmosphäre. Und wenn es einen dann trifft, und man gewinnt nicht, sondern Michael, gibt es wenigstens einen Grund zum Granteln. Was bisweilen auch ganz schön ist.